Eine Frage des Willens

Veröffentlicht am 23 November 2011

Nahrungs-Innovationen, wie diese WFP-Energiekekse, sind ausschlaggebend im Kampf gegen den Hunger. Copyright: WFP/Rein Skullerud

Kleinkinder trifft Mangelernährung besonders hart: Bekommen sie in den ersten zwei Lebensjahren zu wenig Nahrung, drohen lebenslange Konsequenzen für ihr Wachstum, ihre Motorik und ihre Sprache. Doch dank neu entwickelter Spezialnahrungsmittel ist es heute einfacher denn je, auch Kinder in Not richtig zu ernähren – wenn alle Akteure mitspielen.

Gastbeitrag von Ralf Südhoff für Südlink

Es war eine Frage auf Leben und Tod, eine Frage wie ein Alptraum für jede Familie. Doch die Eltern von Sadak Hassan Abdi mussten sie beantworten. Sadak war ganze 18 Monate alt, als er immer schwächer wurde, mit jedem Tag. Schwächer. Und schwächer. Bis seine Eltern eine Antwort auf diese Frage geben mussten, bis sie keine Wahl mehr hatten: Sie konnten entweder zusehen, wie Sadak langsam aber sicher stirbt. Oder sie mussten die Familie trennen.

Und so blieb der Vater mit zwei Kindern zurück. Und Mutter Hukun startete mit Sadak eine Reise in die Ungewissheit, eine Reise, um Hilfe zu finden, irgendwo.

Als Hirten hatte die Familie etwa 40 Ziegen besessen. Aber durch die Dürre in Somalia ging es den Tieren immer schlechter. Die Familie schlachtete einige, um sich zu ernähren, aber die meisten Ziegen verendeten und die Familie stand vor dem Nichts. Ohne das nötige Geld, um mit der ganzen Familie zu reisen, konnte nur Hukun mit Sadak aufbrechen.

Ihre Suche nach Hilfe dauerte 14 Tage, in denen Hukun Fahrten auf Eselkarren bezahlte und schier endlose Wege zu Fuß ging. Sie marschierte Richtung Äthiopien. Und sie erreichte schließlich ein WFP Zentrum in der Nähe der Grenze, das für solche Heimatvertriebene errichtet worden war. Hukun sagte sofort zu den Helfern: „Ich habe Angst, dass mein Kind sterben wird“.

Die Helfer brachten Sadak sofort in ein Krankenhaus. Zusätzlich stellten sie die bestmögliche Ernährung bereit: Sadak bekam Spezialnahrung, eine sofort verzehrbare, extem angereicherte Paste.

Sechs Wochen später ist Sadak nicht gestorben, sondern er sieht wie ein wohl genährter Junge aus. Aus Sadaks Geschichte lassen sich drei Lehren ziehen, die weit über sein Schicksal hinausgehen:
 

  1. Sadak’s  Geschichte untermauert neue wissenschaftliche Erkenntnisse, dass die richtige Ernährung, nicht nur genügend Kalorien, der Schlüssel ist für den Kampf gegen den Hunger. 
  2. Zugleich ist es heute einfacher denn je, auch Kinder in Not richtig zu ernähren - dank einer ganzen Serie völlig neuartiger, innovativer Nahrungsmittel.
  3. Deshalb ist es entscheidend, dass alle Beteiligten ihre Anstrengungen dramatisch erhöhen, dass Hungernde sich mit der richtigen Nahrung zur richtigen Zeit ernähren können. 

 

1.)    Bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse
THE LANCET, eine renommierte internationale Medizin-Fachzeitschrift, hat eine bahnbrechende Reihe über „Mutter und Kind Unterernährung“ 2008 veröffentlicht. Sie belegt, dass falsche Ernährung in den ersten 1000 Tagen im Leben eines Kindes – von der Empfängnis bis zum Alter von zwei Jahren - irreversible Schäden und Beeinträchtigungen in seinem Wachstum und seiner kognitiven Entwicklung auslösen kann.

Sind die ersten 1000 Tage verloren, ist es für Gegenmaßnahmen häufig zu spät: Wenn ein Kind kleinwüchsig ist, wie jedes dritte Kind in Entwicklungsländern wegen Unterernährung in den ersten zwei Lebensjahren, ist dies nicht mehr umkehrbar.

2010 haben weitere Studien gezeigt, dass Unterernährung sogar ein langfristiges, intergenerationelles Problem darstellt: Für Mütter, die wegen falscher Ernährung als Kinder unterentwickelt waren, besteht auch ein deutlich höheres Risiko, dass ihre Kinder in den ersten fünf Lebensjahren sterben, so die Studien. Lesen Sie hier mehr zum Thema Unterernährung.

Das stärkste Gehirnwachstum eines Kindes findet bereits während der Schwangerschaft statt. 80 % des Gehirnvolumens sind mit drei Jahren ausgebildet. Wenn das Gehirn sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht normal entwickelt hat, erklärt dies häufige spätere Verhaltens- und Kognitionsdefizite. Diese spiegeln sich in einer langsamen Sprach- und Feinmotorikentwicklung wider, in niedrigeren IQs sowie schlechteren Schulleistungen.

Gleichwohl sind weltweit 195 Millionen Kinder unter 5 Jahren chronisch unterernährt oder sogar kleinwüchsig und mehr als 129 Millionen sind untergewichtig – insgesamt mehr Kinder als Menschen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien zusammen leben. Unterernährung von Müttern und Kindern ist sogar die Ursache für mehr als ein Drittel der Todesfälle bei Kindern unter 5 Jahren, was rund 3,5 Millionen Kindern pro Jahr entspricht.

Es muss also eine höchste humanitäre Priorität sein, Mangelernährung weltweit zu bekämpfen. Zudem sollte es eine ökonomische Priorität sein: 2007 haben das WFP und die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC), ermittelt, dass Unterernährung in der frühen Kindheit später zu einem ökonomischen Wohlfahrtsverlust in der Region von etwa US$6,7 Milliarden in einem einzigen Jahr geführt haben. Deutlich höhere Gesundheitskosten, mangelnde Schulabschlüsse und Einkommensverluste spielen hier eine entscheidende Rolle, mit dem Resultat, dass manche Länder mehr als 11% ihres Bruttosozialprodukts pro Jahr durch Mangelernährung verlieren. Als 2008 eine Gruppe führender internationaler Ökonomen den „Kopenhagener Konsensus“ formulierten, haben sie sich auf die zehn kosteneffektivsten Lösungen für Entwicklung geeinigt. Fünf der zehn Lösungen sind Maßnahmen, die Mangelernährung bekämpfen. Lesen Sie hier mehr zu den Themen Unterernährung und Mangelernährung.

2) Nahrungs-Innovationen
Der Kampf gegen die Mangelernährung ist also lebensrettend und effizient. Zudem haben wir bessere Werkzeuge denn je ihn zu führen, dank großartiger Nahrungsmittelinnovationen.

Das tiefere Verständnis für die Folgen der Mangelernährung bei Kindern hat die Entwicklung einer Serie neuer Nahrungsmittel angeregt, um diese behandeln und ihr vorbeugen zu können. Zum Beispiel am Horn von Afrika werden dieser Tage eine ganze Reihe dieser Nahrungsmittel eingesetzt, wovon viele in Entwicklungsländern hergestellt werden: Von sogenannten „ready to use“ Nahrungsmitteln, wie angereicherten Kichererbsenpasten über Energiekekse bis hin zu speziellen Dattelriegeln. Vorteil all dieser Nahrungsmittel ist, dass sie weder gekocht noch vorbereitet werden müssen. Hier finden Sie Informationen zu WFP-Spezialnahrung.

Eine gewisse Medien-Berühmtheit erlangt haben seit der Krise in Ostafrika angereicherte Pasten, da WFP hunderte Tonnen von ihnen nach Mogadischu und zu vielen anderen Orten fliegen musste: Pasten wie PlumpySup, mit der Sadak gerettet wurde, oder Plumpy’nut, die von UNICEF und Partnern gegen akute Unterernährung eingesetzt wird und Milchpulver, Erdnusspaste, Pflanzenöl, Zucker und ein Vitamin-Gemisch beinhaltet.

Im allgemeinen Nahrungsmittelkorb ist für die Flüchtlinge in Ostafrika ein anderes Produkt entscheidend: Eine angereicherte Mais-Soja Mischung, auch bekannt als Super Cereal Plus, aus der ein nahrhafter Brei hergestellt werden kann.

Schaut man über den leeren Tellerrand akuter Krisen hinaus, stellt man zudem fest: Viele der chronisch Unterernährten der Welt können ihre Familien durchaus ernähren, allerdings nur extrem einseitig. Der Bauer und die Bäuerin, die kein Geld, aber etwas Mais auf dem Feld haben, leiden nicht unbedingt Hunger. Doch sie essen fast nichts ausser Mais, und das jeden Tag. In diesen Fällen können Mikronährstoffe Wunder wirken: Sie können in kleinen Tütchen wie Zuckerpäckchen aufbewahrt und täglich hinzugefügt werden, sind geschmacklos und zugleich typischer Weise mit Eisen, Zink, Jod, Kupfer, Selen, zehn Vitaminen und Folsäure angereichert.

All diese Innovationen sind von enormer Hilfe, denn die Menschen können sich weiterhin mit ihren oft begrenzt oder traditionell verfügbaren Nahrungsmitteln versorgen, aber die Ausgewogenheit ihrer Ernährung dramatisch verbessern. So kann ein Beutel, ein Keks oder eine leckere Paste zur Lösung werden für den Skandal, dass noch im 21. Jahrhundert zwei Milliarden Menschen weltweit an Mangelernährung und ihren Folgen leiden. 

3) Verbesserung der Ernährung weltweit
Wie sehr die geschilderten neuen Erkenntnisse und die zunächst rein technischen Innovationen bereits wirken, kann die Arbeit von WFP stellvertretend für viele verdeutlichen: Allein in 2010 konnte WFP 2,7 Millionen Kinder weltweit im kritischen Alter von unter 2 Jahren mit solchen Spezialprodukten erreichen – noch zwei Jahre zuvor waren es nur 55.000, ein fast 50facher Anstieg.

Länderbeispiele wie Brasilien verdeutlichen zudem, was Regierungen für ebenso nachhaltige wie spektakuläre Erfolge erzielen können, wenn Ressourcen und politischer Wille zusammenkommen: Binnen nur sechs Jahren ist es Brasilien gelungen, die Mangelernährung von Kindern durch Gesundheitsprogramme, Sozialhilfen und die Bereitstellung von Mikronährstoffen um 70% zu senken. 

Solche Erfolgsgeschichten sind es, die auch die Partnerschaft REACH inspiriert haben (Renewed Efforts Against Child Hunger and Undernutrition). Gegründet in 2008 durch WHO, UNICEF, FAO und WFP vernetzt REACH heute Regierungen, Zivilgesellschaft und Unternehmen und hat zahlreiche ähnliche Pilotprogramme  in Afrika und Asien gestartet.

Während es offenkundig ist, dass alle Beteiligten noch einen weiten Weg vor sich haben, die Mangelernährung weltweit zu besiegen, ist es ebenso offensichtlich, dass wir alles Know how und alle Mittel dafür heute in Händen halten. Es ist schlicht eine Frage des Willens, ob wir sicherstellen wollen, dass künftig keine Familie mehr das Schicksal von Hukun und Sadak erleiden muss, und wenn doch, dass sie die Ernährung erhalten, die sie wirklich brauchen. 

Hukun selbst drückt dies so aus: “Ich sehe zwei Bilder: Das eine liegt hinter mir, und es ist voller Krieg, Dürre und Hilflosigkeit. Aber vor mir sehe ich noch ein Bild, eines voller Erwartungen und einem neuen Leben. Jetzt haben wir das Essen, das wir brauchen.“ 

Hukun hat ihrem Mann und ihren zurückgelassenen Kindern jetzt eine Nachricht zukommen lassen. Sie hofft, sie können bald zu ihr stoßen. Und die Familie sich wieder vereinen.