Eine historische Chance

Veröffentlicht am 26 Juni 2012

Saha Garba in Niger war kurz davor mit Ihren sieben Kinder über die Grenze nach Nigeria zu fliehen, um dort um Essen zu betteln. Weil sie rechtzeitig Hilfe erreichte, konnte sie bleiben und die Felder für die nächste Ernte bestellen. (Copyright: WFP/Ralf Südhoff)

In Westafrika war die internationale Gemeinschaft erstmals auf bestem Wege, eine Hungerkrise rechtzeitig einzudämmen - jetzt droht sie alles zu verspielen und eine Katastrophe wird bald unabwendbar.

 Als die 20jährige Zouley ihre Zwillinge im Süden Nigers zur Welt bringt, scheint deren Schicksal besiegelt. Die mangelernährte Mutter hat zwei völlig mangelernährte Kinder geboren – Hassana und Ousseina wiegen bei ihrer Geburt nur gut ein Kilo. Die beiden Winzlinge scheinen wie geboren um zu sterben. 

Vier Wochen später liegen ihre Zwillinge auf der Krankenstation vor ihr auf dem Bett und schlafen. Sie haben dank angereicherter Milch ihr Gewicht verdoppelt. Sie leben. 

Ob sie überleben werden?  Die Ärzte sind optimistisch, dass die Familie sogar bald das Krankenhaus verlassen kann, wenn sie auch die Mutter weiter mit Weizenbrei und angereicherten Speiseölen aufpäppeln können, bis sie stark genug ist ihre Kinder zu stillen. Doch ob das gelingt, wird ebenso wie das Schicksal von Millionen von Menschen in Niger und Westafrika, wo eine schreckliche Krise ausgebrochen ist, auch in den Ländern des Nordens entschieden. Dabei sind die Vorzeichen so gut wie nie – eigentlich. 

Über 15 Millionen Menschen leiden in Niger und in Mali, vom Tschad bis nach Senegal in der Sahelzone unter der dritten Dürre in weniger als zehn Jahren. Ich selbst konnte mich davon vor Ort überzeugen, und ich bin mit einer Frage zurückgekehrt, die weit über Westafrika hinaus weist: Hat die internationale Gemeinschaft aus der Krise am Horn von Afrika gelernt? Schaffen wir es in Zukunft rechtzeitig zu verhindern, dass aus einer Krise eine Katastrophe wird? Eine Katastrophe mit Millionen von Opfern und Milliarden von Hilfsgeldern, die nie notwendig gewesen wären? 

Manches ist anders in Westafrika als vor einem Jahr in Ostafrika, vieles ist sehr ähnlich: Erneut zeigt sich, dass die neuen internationalen Frühwarnsysteme funktionieren. Sie schlagen seit Monaten Alarm in Westafrika – genau wie am Horn 2011. Die Dürre im vergangenen Jahr liess die Ernten in Westafrika in zweistelligen Raten zurückgehen -  in Niger um fast ein Viertel, im Tschad um mehr als ein Drittel, in Mauretanien um fast die Hälfte. 

Die 20jährige Zouley hat in Niger die völlig mangelernährten Zwillinge Hassana und Ousseina zur Welt gebracht. Erhält die Mutter weiter Spezialnahrung im Krankenhaus von Maradi, werden ihre Kinder aber wohl überleben. (Copyright: WFP/Ralf Südhoff)

 Wie 2011 in Ostafrika, sind Nahrungsmittel unerschwinglich: Allein die Preise für Hirse und Mais sind in Niger um mindestens 20% gestiegen. Die Zahl der mangelernährten Kinder ist erneut dramatisch: In Burkina Faso muss WFP 250.000 Kleinkinder mit angereicherter Nahrung aufpäppeln, im Tschad ist jedes zehnte Kind akut mangelernährt, in Niger sogar jedes fünfte. Hinzu kommen erneut Konflikt und Vertreibung: Über 300.000 Menschen mussten in Mali fliehen. 

Doch eines war bislang anders bei dieser Krise, und dies ist eine historische Chance: die internationale Gemeinschaft hat frühzeitig reagiert und erste Hilfen wurden schon im letzten Herbst bewilligt. Diese schnelle erste Reaktion hat dazu beigetragen, dass beispielsweise wir vom UN World Food Programme (WFP) bereits rund drei Millionen Menschen  Hilfe gewähren konnten, um die Krise einzudämmen. Hilfe, die bleibende Schäden bei mangelernährten Kindern vermeidet und die Bauern und Bäurinen ermöglicht auf ihren Feldern zu bleiben und diese auf die nächste Aussaat vorzubereiten – statt wie hunderttausendfach am Horn ihr Saatgut zu essen, ihr Vieh zu verkaufen und alles zu verlieren, von dem sie künftig wieder eigenständig leben könnten. 

Die Betroffenen können auf eine moderne Art der Ernährungshilfe bauen, die ihnen zum Beispiel durch innovative “Cash for Work” Programme etwas Geld bietet als Lohn für gemeinnützige Arbeiten und so kurzfristige Nothilfe mit mittelfristigen Lösungen verbindet. Allein in Niger sind so fast eine Million Menschen in der Lage, statt zu hungern und zu fliehen, sich auf die immer häufigeren Dürren vorzubereiten, in dem sie Bewässerungskanäle bauen, Straßen und neue Felder anlegen. 

Doch die Erfolgsgeschichte droht jäh zu enden: In diesen Tagen beginnt die schlimmste Zeit der Sahel-Krise, die sogenannte Hungerperiode - die letzten Monate vor der nächsten Ernte im Oktober. Schon bald werden noch viel mehr Menschen keine Vorräte mehr haben und allein WFP über zehn Millionen Menschen für kurze Zeit unterstützen müssen. Doch ausgerechnet im entscheidenden Moment droht die große Chance für einen Neuanfang in der humanitären Hilfe verspielt zu werden.

Beispiel WFP: Das UN World Food Programme  ist einerseits die größte humanitäre Organisation der Welt, andererseits rein freiwillig finanziert. Das bedeutet, dass allein für Niger WFP akut über 200 Mio. US$ und damit die Hälfte der Mittel für seine Hilfsoperation fehlen. In der Sahelzone insgesamt mangelt es WFP an rund 375 Mio. US$.

Die internationale Gemeinschaft muss jetzt die zweite Hilfswelle starten, sonst droht sie alle Erfolge der ersten zu verspielen - und das wird erneut viele Menschenleben und Millionen US-Dollar kosten, die andernorts fehlen.

Wir wissen heute, dass man mit einem 1 Euro extrem weit kommt, um ein Kind vor Mangelernährung zu schützen. Eine Therapie für ein mangelernährtes Kind aber kostet mindestens 40 Euro.

Wenn wir jetzt auch in Westafrika daran scheitern zu verhindern, dass aus einer Krise eine Katastrophe wird, werden alle Seiten einen hohen Preis dafür bezahlen - Menschen wie Zouley und ihre Zwillinge den höchsten.

Ralf Südhoff ist Leiter des UN World Food Programme (WFP) in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er ist gerade von einer Erkundungsmission aus Niger zurückgekehrt. Kontakt: http://de.wfp.org/kontakt