#IamSyrian – Briefe aus dem Bürgerkrieg Teil 3

Veröffentlicht am 19 April 2016

Ich bin ein Mann. Ich bin eine Frau. Ich bin eine Mutter, ein Sohn, ein Vater oder eine Tochter. Ich bin ein Flüchtling.
#IamSyrian

BADREYA

Text und Bilder von Dina El-Kassaby

Mohammed

Ich heiße Badreya, bin 26 Jahre alt und komme aus Ar-Raqqa, einer Stadt im Norden Syriens. Meine Heimatstadt ist zur Hölle auf Erden geworden. Die Menschen, die noch in der belagerten Stadt leben, sind eingeschlossen  –  sie können nicht in sicherere Landesteile fliehen. Ich vermisse mein Leben und meine Heimat sehr: die Frühlingsluft, das Lachen und die Mahlzeiten mit meiner Familie. Aber das Syrien, das ich kenne und liebe, gibt es nicht mehr.
Ich habe Angst, zurückzukehren und die Zerstörung mit eigenen Augen zu sehen, von der meine Schwiegermutter berichtet. Ich mache mir große Sorgen, weil sie noch in Syrien ist. Sie ist alt und zerbrechlich. Deshalb konnte sie vor 4,5 Jahren nicht mit uns in den Libanon fliehen. Aber sie hatte darauf beharrt, dass wir fliehen, damit unsere Kinder in Sicherheit sind.


Ich war ihr ganzer Stolz und ich fühlte mich wie eine Königin.
Ich war so glücklich.


Mit 17 Jahren habe ich geheiratet und bin mit meinem Mann nach Darayya, einem Vorort von Damaskus, gezogen, damit wir in ihrer Nähe sind. Meine Schwiegermutter hat mich wie ihre eigene Tochter behandelt. Sie hat alles für mich getan und nahm mich überall mit ihn. Ich war ihr ganzer Stolz und ich fühlte mich wie eine Königin. Ich war so glücklich.
Ich erinnere mich gut daran, wie wir immer zusammen in der Küche standen und sie mir beibrachte, leckere syrische Gerichte wie Asheh zu kochen – einer selbstgemachten Wurst aus Reis und Fleisch. Für gewöhnlich aßen wir Asheh zu besonderen Anlässen wie Eid, dem Tag des Fastenbrechens, oder an Freitagen, wenn die ganze Familie zusammen kam, um gemeinsam zu essen. Auch wenn meine Schwiegermutter die meiste Arbeit in der Küche hatte, hat sie allen immer erzählt, dass ich es gekocht hätte und mein Mann küsste meine Hände vor allen Gästen.

 


„Es war damals so leicht, zu lachen...“


Ich lebe jetzt in einem Zelt mit meinem Mann und unseren 5 Kindern, weit weg von zu Hause in einem trostlosen Flüchtlingscamp im Libanon. Ich hasse es hier. Beide unsere Schwestern und ihre Familien musste ihre Notunterkunft verlassen, weil sie die Miete nicht mehr zahlen konnten. Sie leben jetzt auch bei uns.
Wir versuchen, uns vor Sonnenaufgang aus dem Zelt zu schleichen, während unsere Männer und Kinder noch schlafen. Dann trinken wir Kaffee und reden miteinander. Das ist unser einziges Vergnügen, das wir jeden Tag haben.


„Wenn es draußenlangsam hellwird, schließen wir die Augen

und hören den Vögeln zu. Ihr Gezwitscher erinnert uns an Syrien.“


Ich danke Gott, dass wir zusammen und sicher im Libanon sind. Aber gleichzeitig bedaure ich unser Unglück. Wie kann das Leben an einem Tag so schön sein – und am nächsten so furchtbar? Wir haben keine Heizung, kein fließend Wasser. Ich habe nicht genug Geld, um meine Kinder zu ernähren. Und die Menschen im Libanon sind es leid, dass wir hier sind. Das Leben hier wird unerträglich und ich glaube, ich habe vergessen, wie sich Glück anfühlt.

 


Lesen Sie hier auch die weiteren Teile der Briefe aus dem Bürgerkrieg.


 

Das UN World Food Programme (WFP) hilft jeden Monat ungefähr 4 Millionen Menschen in Syrien mit Notrationen und fast 1,5 Millionen Flüchtlingen in Nachbarstaaten mit Nahrungsmittelgutscheinen. Jeden Tag hören wir ihre Geschichten
und in den nächsten 6 Monaten werden wir diese Geschichten teilen.

 Unter dem Hashtag #IamSyrian erzählen die Frauen, Männer und Kinder von ihrem Leben vor dem Konflikt und von ihrem jetzigen Leben im Bürgerkriegsland oder im Exil.

Sie sprechen darüber, was sie und ihre Familien verloren haben und über ihre Hoffnungen für die Zukunft. Ihre Berichte richten sich an Menschen auf der ganzen Welt mit der Bitte, sich solidarisch zu zeigen. Teilen Sie ihre Geschichte unter dem Hashtag #IamSyrian und fordern Sie ein Ende des Blutvergießens in Syrien, indem Sie den Appell der Hilfsorganisationen vom 21. Januar unterstützen. 

Helfen Sie uns, eine weltweite Bewegung zu starten:
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