#IamSyrian – Briefe aus dem Bürgerkrieg Teil 5

Veröffentlicht am 27 Mai 2016

Ich bin ein Mann. Ich bin eine Frau. Ich bin eine Mutter, ein Sohn, ein Vater oder eine Tochter. Ich bin ein Flüchtling.
#IamSyrian

ESSAME

Bilder von Dina El-Kassaby

Ich heiße Essame Al Saman. Ich bin ein Sohn, ein Ehemann und bald werde ich Vater. Ich bin Syrer. Mein Vater und seine Familie sind Flüchtlinge. Sie stammen ursprünglich aus Palästina und flohen 1948 nach Syrien. Sie nicht wussten, wohin sie gehen konnten. Syrien hat sie aufgenommen. 

Ich bin auch ein Softwareingenieur und mache meinen Master in virtueller Technologie. Ich wollte immer für mein Masterstudium nach Deutschland kommen. Aber Syrien hat mir alles ermöglicht und meiner Familie ein Zuhause gegeben. Also wollte ich hier bleiben und etwas für mein Land und meine Mitmenschen tun.


„Syrien hat mir alles ermöglicht und meiner Familie ein Zuhause gegeben. 
Ich wollte hier bleiben und etwas für mein Land und meine Mitmenschen tun.


Im Jahr 2006 kamen Hunderte Libanesen nach Syrien, um dem Krieg im Libanon zu entfliehen. Syrien war ein sicherer Ort für sie. Ich fing damals als Jugendlicher an, als Freiwilliger für den Syrischen Roten Halbmond (SARC) zu arbeiten. Diese Aufgabe gab mir das Gefühl, meine Pflicht als Mensch und Nachbar zu erfüllen. Seitdem unterstütze ich SARC als Koordinator humanitärer Hilfe in Homs.  Ich hätte es nie für möglich gehalten, eines Tages Syrern helfen zu müssen. 

Die Menschen auf der ganzen Welt sollten wissen, dass in der Minute, in der in Syrien Frieden geschlossen wird, die größte Völkerwanderung der Geschichte einsetzen wird. In diesem Moment werden Syrer in Deutschland, Schweden und im Rest Europas aufbrechen. Sie werden den Libanon, Jordanien und die Türkei, verlassen und nach Hause zurückkehren. 


„Obwohl wir in eine Schießerei kamen, haben wir weitergemacht.“


Seit zehn Jahren arbeite ich jetzt für SARC. In der ganzen Zeit gab es einen Moment, an den ich mich besonders erinnere. Es war 2014, als wir Zivilisten evakuieren und zum ersten Mal Nahrung in die besetzte Altstadt von Homs bringen konnten – zusammen mit dem UN World Food Programme, dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz und anderen UN-Organisationen. Obwohl wir dabei in eine Schießerei kamen, bei der sogar Granaten flogen, haben wir weitergemacht. Die Menschen dort waren über 300 Tage eingeschlossen – ohne Nahrung oder Medizin. Dieser Einsatz war ein Wendepunkt in der Syrienhilfe. Ich kann nicht verleugnen, dass wir große Angst hatten, aber unser Glaube an Gott trieb uns voran.
In dem Moment, in dem wir das umkämpfte Gebiet überqueren mussten, hat uns eine Mischung aus Adrenalin, Entschlossenheit und Glaube am Leben gehalten. Ich dachte an diesem Tag oft an meine Mutter. Ich rief sie an, um ihr zu sagen, dass es uns gut geht. Doch dann wurden plötzlich Granaten abgefeuert. Wir rannten um unser Leben und versteckten uns in einem Bunker. Drei Stunden blieben wir dort, ohne zu wissen, ob wir wieder hinaus können. 


„Wenn du mitten im Krieg lebst,
weißt du,
wie zerbrechlich und kostbar das Leben ist.“


Die letzten 5 Jahre waren sehr hart. Wenn du mitten im Krieg lebst, weißt du, wie zerbrechlich und kostbar das Leben ist – und dass es dir von einem Moment auf den anderen genommen werden kann. Meine Arbeit als Freiwilliger für SARC gibt meinem Leben einen Sinn. Wir sind Teil des Rads, das Syrien am Leben erhält und das werde ich nicht aufgeben. 


 Lesen Sie hier auch die weiteren Teile der Briefe aus dem Bürgerkrieg.


 

Das UN World Food Programme (WFP) hilft jeden Monat ungefähr 4 Millionen Menschen in Syrien mit Notrationen und fast 1,5 Millionen Flüchtlingen in Nachbarstaaten mit Nahrungsmittelgutscheinen. Jeden Tag hören wir ihre Geschichten
und in den nächsten 6 Monaten werden wir diese Geschichten teilen.

 Unter dem Hashtag #IamSyrian erzählen die Frauen, Männer und Kinder von ihrem Leben vor dem Konflikt und von ihrem jetzigen Leben im Bürgerkriegsland oder im Exil.

Sie sprechen darüber, was sie und ihre Familien verloren haben und über ihre Hoffnungen für die Zukunft. Ihre Berichte richten sich an Menschen auf der ganzen Welt mit der Bitte, sich solidarisch zu zeigen. Teilen Sie ihre Geschichte unter dem Hashtag #IamSyrian und fordern Sie ein Ende des Blutvergießens in Syrien, indem Sie den Appell der Hilfsorganisationen vom 21. Januar unterstützen. 

Helfen Sie uns, eine weltweite Bewegung zu starten:
#IamSyrian