#IamSyrian – Briefe aus dem Bürgerkrieg Teil 6

Veröffentlicht am 17 Juni 2016

Ich bin ein Mann. Ich bin eine Frau. Ich bin eine Mutter, ein Sohn, ein Vater oder eine Tochter. Ich bin ein Flüchtling.
#IamSyrian

MARWA

Bilder von Maria Smentek

Ich heiße Marwa. Ich bin 38 Jahre alt und komme aus Latakia, einer Stadt an der Küste Syriens. Seit November 2015 lebe ich in Berlin. In Syrien habe ich als Lehrerin gearbeitet. Ich bin Mutter von drei Kindern, zwei Mädchen und einem Jungen. Das ist meine Geschichte.

Vor vier Jahren habe ich mich von meinem Mann getrennt. Aber als alleinstehende Frau habe ich in Syrien kein Sorgerecht für meine Kinder. Deswegen leben sie bei ihrer Tante, einer Schwester meines Ex-Mannes. 

Nach der Scheidung habe ich entschieden, meine Schwester zu besuchen, die mit ihrem Mann in der Türkei lebt. Ich konnte dort nicht lange bleiben aber ich hörte, dass in Idlib, 50 Kilometer von Aleppo entfernt, Lehrer gesucht werden. Also bin ich dort hingezogen. Obwohl der Krieg bereits ausgebrochen war, habe ich am Anfang recht gut leben können. Ich hatte eine eigene Wohnung und unterrichtete Arabisch.


„Wir wurden aus der Luft angegriffen, das Militär kam immer näher und
verschiedenen bewaffnete Gruppen haben in unserer Nähe gekämpft.


Doch die Situation hat sich bald verschlechtert. Wir wurden aus der Luft angegriffen, das Militär kam immer näher und verschiedene bewaffnete Gruppen haben in unserer Nähe gekämpft. Eines Tages kamen einige der Extremisten zu mir. Sie sagten mir, dass ich als geschiedene Frau nicht länger alleine leben könne. Dann sagten sie, dass ich entweder selbst einen neuen Mann finden müsste oder sie würden einen für mich auswählen. Als sie weg waren, habe ich sofort meine Sachen gepackt und bin fortgegangen.

 Aber ich konnte nirgendwo hin. In Idlib kämpfen Rebellengruppen gegen die Regierung. Wenn ich von dort aus zurück nach Latakia gegangen wäre, hätte man mich sofort verhaftet. Also floh ich in die Türkei. Aber Ihr könnt mir glauben, das Leben in der Türkei ist für uns Syrer alles andere als einfach – schon gar nicht als alleinstehende Frau ohne Arbeit. Ich entschied mich deshalb, weiter nach Europa zu fliehen. Die Vorstellung, mit einem Boot nach Griechenland überzusetzen, war schwer, weil wir wussten, dass wir es vielleicht nicht schaffen. Doch wir hatten Glück und machten uns weiter auf den Weg, in Richtung Deutschland.


„Die Vorstellung, mit einem Bott nach Griechenland überzusetzen, war schwer,
weil wir wussten, dass wir es vielleicht nicht schaffen.“


Es war eine sehr schwierige Reise, so schwierig, wie ihr euch nur vorstellen könnt. Ich war vollkommen auf mich alleine gestellt. Ich musste mir alleine einen Schlafplatz und Essen suchen. Wir haben auf dem Boden geschlafen, wir haben wirklich überall geschlafen. Meistens sind wir zu Fuß gelaufen, manchmal konnten wir einen Bus oder den Zug nehmen. Nach 15 Tagen haben wir endlich Deutschland erreicht. 
In meiner ersten Zeit in Deutschland habe ich in einer Turnhalle mit Menschen unterschiedlicher Herkunft gelebt. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich mit so viele verschiedenen Menschen zusammen! Jetzt lebe ich in einer ehemaligen Schule und teile mir mein Zimmer mit einer anderen Frau. Die Menschen hier, alle aus ganz unterschiedlichen Ländern, sind nett und hilfsbereit. 

In Berlin habe ich schon einiges unternommen. Mit meinen deutschen Freunden oder anderen Flüchtlingen sind wir ins Kino und in die Oper gegangen. Zum ersten Mal überhaupt bin ich Schlittschuh gelaufen. Man kann die Freiheit hier wirklich spüren.


„Zum ersten Mal überhaupt bin ich Schlittschuh gelaufen.
Man kann die Freiheit hier wirklich spüren.


Ich besuche auch den Deutschunterricht. Manchmal verstehe ich nichts und muss den Lehrer fragen: „Nochmal, bitte!“. Wenn ich daran denke, muss ich lachen. Jetzt weiß ich, wie sich meine Schüler in Syrien gefühlt haben, wenn sie nichts verstanden! Ich habe es geliebt, als Lehrerin zu arbeiten. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben überhaupt, denn man erzieht und bildet eine ganze Generation. Man begleitet die Schüler von klein auf, bis sie erwachsen sind. Man bringt ihnen alles bei, muss sie fördern und stärken.
In Berlin haben mir viele Menschen geholfen – Deutsche natürlich, aber auch eine Frau aus Polen und ein Mann aus Marokko und viele, viele andere. Unser Verhältnis ist mehr als nur das zwischen Flüchtling und Helfern, es ist eine richtige Freundschaft geworden. Ich kam völlig alleine nach Deutschland, ohne meine Familie. Die Menschen hier geben mir das Gefühl, wieder eine Familie zu haben.

Mich schmerzt, dass ich meine Kinder in den letzten 4 Jahren kaum gesehen habe. Über das Internet habe ich Kontakt zu ihnen, aber mein 14-jähriger Sohn ist aus dem Haus seiner Tante weggelaufen und sitzt jetzt an der Grenze zur Türkei fest. Er ist in einer sehr gefährlichen Situation und es bricht mir das Herz, dass ich ihm nicht helfen kann. Ich erreiche ihn kaum übers Handy. 


„Ich bin wie jede Mutter.
Ich vermisse meine Kinder sehr und wünschte mir, sie könnten hier bei mir sein."


Ich bin wie jede Mutter. Ich vermisse meine Kinder sehr und ich wünschte mir, sie könnten hier bei mir sein. Weit weg von Krieg und Verfolgung. Weit weg von der ganzen politischen Situation. Dass sie zur Schule gehen oder an der Universität studieren können. Die Chance auf ein sicheres und glückliches Leben hätten. Ich hoffe sehr, dass meine Kinder eines Tages zu mir kommen können.

Ich habe das Glück, hier sein zu können. Viele andere können das nicht. Gerade deshalb wünsche mir sehr, dass dieser Krieg vorbei wäre. 23 Millionen Menschen leben noch in Syrien, sie leben inmitten eines Krieges und leiden Hunger. Ich wünschte mir, sie hätten eine Perspektive, Freiheit und Frieden.


 Lesen Sie hier auch die weiteren Teile der Briefe aus dem Bürgerkrieg.


 

Das UN World Food Programme (WFP) hilft jeden Monat ungefähr 4 Millionen Menschen in Syrien mit Notrationen und fast 1,5 Millionen Flüchtlingen in Nachbarstaaten mit Nahrungsmittelgutscheinen. Jeden Tag hören wir ihre Geschichten
und in den nächsten 6 Monaten werden wir diese Geschichten teilen.

 Unter dem Hashtag #IamSyrian erzählen die Frauen, Männer und Kinder von ihrem Leben vor dem Konflikt und von ihrem jetzigen Leben im Bürgerkriegsland oder im Exil.

Sie sprechen darüber, was sie und ihre Familien verloren haben und über ihre Hoffnungen für die Zukunft. Ihre Berichte richten sich an Menschen auf der ganzen Welt mit der Bitte, sich solidarisch zu zeigen. Teilen Sie ihre Geschichte unter dem Hashtag #IamSyrian und fordern Sie ein Ende des Blutvergießens in Syrien, indem Sie den Appell der Hilfsorganisationen vom 21. Januar unterstützen. 

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