#IamSyrian – Briefe aus dem Bürgerkrieg Teil 7

Veröffentlicht am 20 Juni 2016

Ich bin ein Mann. Ich bin eine Frau. Ich bin eine Mutter, ein Sohn, ein Vater oder eine Tochter. Ich bin ein Flüchtling.
#IamSyrian

MAY

Bilder von Jonathan Eng

Ich heiße May. Ich bin Syrerin und Schwedin. Ich bin eine Tochter, eine Ehefrau und eine Mutter von 3 Kindern – meinen drei Musketieren. Das ist meine Geschichte.

Vor 3 Jahren kamen wir als Flüchtlinge nach Schweden. Heute leben wir in Teckomatorp, einem kleinen Dorf außerhalb Malmös. Früher haben wir in Damaskus gelebt.
Wir haben Syrien verlassen, um uns, unsere Kinder und unsere Zukunft zu schützen. Manchmal schäme ich mich sehr und fühle mich sehr schuldig, weil meine Familie und ich fortgegangen sind. Ich ging, ohne anderen helfen zu können. Meine Mutter und mein Vater blieben in Syrien, aber im vergangenen Jahr sind sie gestorben. Sie waren beide sehr krank. Meine Mutter ist an Krebs gestorben und mein Vater starb 6 Monate später – er war so niedergeschlagen nach dem Tod meiner Mutter. Ich fühle mich schuldig, weil es mein Land ist, der Ort meiner Träume. Ich wollte dort wirklich leben und sterben. 


„Ich fühle mich schuldig, weil es mein Land ist, der Ort meiner Träume. 
Ich wollte dort wirklich leben und sterben.


Ich wollte mit meinen Kindern, meiner Familie und meinen Eltern so viele Dinge erleben, so viele Orte in Syrien besuchen. Aber jetzt habe ich diese Chance verloren – die meisten Orte sind zerstört. 
In Damaskus habe ich seit 2000 als Freiwillige für den Syrischen Roten Halbmond gearbeitet und wurde ein Jahr später Ersthelferin. Ich erinnere mich genau an einen Tag, als wir im Krankenwagen saßen und an einen Checkpoint kamen. Sie richteten ihre Waffen auf uns und ließen uns nicht durch. Wir hörten die Schießerei aber wir durften nicht helfen. 
An meinem Geburtstag 2012 fragten mich meine Freunde, ob ich fliehen wollte. Ich sagte nein, ich wollte Syrien um keinen Preis verlassen – aber nur 6 Monate später mussten wir gehen. Ich wollte nicht, doch mir war es auch wichtig, dass meine Kinder und meine Familie sicher sind. 


„Wir hörten die Schießerei, aber wir durften nicht helfen.“


Hier in Schweden muss ich positiv denken und mich integrieren. Das schulde ich mir, meinen Kindern und meinen Eltern. Vor allem jetzt, da ich mich so schuldig fühle, weil sie gestorben sind, ohne dass ich für sie da war.
Erst in Schweden habe ich realisiert, dass ich ein Flüchtling bin und nicht mehr nach Hause zurückkehren kann. Ich musste mir einen wirklich guten Grund schaffen, warum ich nicht da bin. Deswegen will ich erfolgreich in dieser neuen Gesellschaft und in meiner neuen Heimat sein. Und genau das versuche ich gerade, obwohl ich manchmal fix und fertig bin.

Ich trage farbenfrohe Kleidung, weil wir in unserer Kultur sagen, dass die Farbe Pink tiefe Traurigkeit bricht. Deswegen trage ich ein pinkes Kopftuch. Aber es zeigt das Gegenteil von meinem Inneren, dort bin ich voller Schmerz und Anspannung. 


„Wir müssen uns gegenseitig verstehen und darüber reden,
wie wir Kulturen zusammen bringen können.


Um uns gut zu integrieren, leite ich ein Projekt für Vorschulen, das spielerisch Arabischunterricht anbietet, damit die Kinder dort mit ihrer Kultur in Berührung kommen. Wenn Kinder ihre Muttersprache gut beherrschen, fällt es ihnen auch leichter, neue Sprachen zu lernen und sich in neue Kulturen zu integrieren. Wir müssen uns gegenseitig verstehen und darüber reden, wie wir Kulturen zusammenbringen können. Das bedeutet Integration. 
Als wir nach Schweden kamen, sagten alle, dass die schwedische Bevölkerung viel Luxus hat und Dinge besitzt, die wir in Syrien nicht haben. Ich spreche nicht über materielle Dinge, es geht auch darum, wie die Menschen hier denken. Aber dann fängt man an zu realisieren, dass das kein Luxus ist. Es sind grundlegende Menschenrechte, die wir nicht haben. 
Essen zu können, was immer man möchte, Kleidung für seine Kinder kaufen zu können und sie mit zum Spielplatz zu nehmen – das ist kein Luxus, das ist ein Menschenrecht. 


 Lesen Sie hier auch die weiteren Teile der Briefe aus dem Bürgerkrieg.


 

Das UN World Food Programme (WFP) hilft jeden Monat ungefähr 4 Millionen Menschen in Syrien mit Notrationen und fast 1,5 Millionen Flüchtlingen in Nachbarstaaten mit Nahrungsmittelgutscheinen. Jeden Tag hören wir ihre Geschichten
und in den nächsten 6 Monaten werden wir diese Geschichten teilen.

 Unter dem Hashtag #IamSyrian erzählen die Frauen, Männer und Kinder von ihrem Leben vor dem Konflikt und von ihrem jetzigen Leben im Bürgerkriegsland oder im Exil.

Sie sprechen darüber, was sie und ihre Familien verloren haben und über ihre Hoffnungen für die Zukunft. Ihre Berichte richten sich an Menschen auf der ganzen Welt mit der Bitte, sich solidarisch zu zeigen. Teilen Sie ihre Geschichte unter dem Hashtag #IamSyrian und fordern Sie ein Ende des Blutvergießens in Syrien, indem Sie den Appell der Hilfsorganisationen vom 21. Januar unterstützen. 

Helfen Sie uns, eine weltweite Bewegung zu starten:
#IamSyrian