#IamSyrian – Briefe aus dem Bürgerkrieg Teil 8

Veröffentlicht am 03 August 2016

Ich bin ein Mann. Ich bin eine Frau. Ich bin eine Mutter, ein Sohn, ein Vater oder eine Tochter. Ich bin ein Flüchtling.
#IamSyrian

MOUSTAFA

Bilder von Jonathan Eng

Mein Name ist Moustafa Jano. Ich wurde 1977 in Aleppo geboren. Ich habe eine Frau und drei Kinder. Meinen jüngsten Sohn habe ich noch nie gesehen. Meine Frau war schwanger, als ich ging. Bisher konnte ich ihn nur auf Bildern und Videos sehen. 
Ich habe an der Universität Damaskus studiert und einen Abschluss an der Fakultät der Bildenden Künste gemacht. Ich bin Grafikdesigner und habe in Aleppo meine eigene Firma gegründet, sie lief gut. 
Dann brach 2012 der Krieg aus und die Kämpfe rückten immer näher. Wir blieben acht Monate, um zu sehen, wie sich die Situation entwickeln würde aber die Lage wurde gefährlich und die Kämpfe intensiver. Es wurde ein richtiger Krieg, mein Zuhause stand zwischen den Fronten. 


„Bomben fielen über unseren Köpfen und in meiner Straße wurde gekämpft.
Wir konnten nicht nach draußen.


Zu dieser Zeit hatte ich nur ein Kind. Es war schwierig, genug Nahrungsmittel und Medizin zu bekommen, es gab auch keine Babymilch. In Syrien leben wir von Brot aber es war kaum noch welches zu haben. Das Leben wurde so schwierig, dass wir gehen mussten. 
Ich nahm nur zwei Taschen mit und meine Frau hatte unseren Sohn auf dem Arm. Wir flohen aus Syrien in den Nordirak, wo ein Cousin von mir lebt. Dort sind viele Organisationen, die den Flüchtlingen helfen, wie das UN World Food Programme (WFP). Meine Familie bekommt noch immer Nahrungsmittelpakete mit Reis, Speiseöl und Spaghetti.

Über drei Jahre blieb ich im Nordirak. Das Leben dort war schwer und meine Kinder hatten keine Zukunft. Darum entschloss ich mich, nach Schweden zu gehen. Ich wollte dort einen Job finden und dann meine Familie nachholen. Die Reise war wirklich hart. Als wir das Mittelmeer überquerten, wären wir fast gestorben. Zum Glück rettete uns ein Touristenschiff. 


„Ich habe mein Leben riskiert, um meiner Familie ein neues zu geben.
Aber jetzt sehe ich keine Zukunft.“


Ich kam vor 10 Monaten nach Schweden. Die Menschen hier sind sehr freundlich und hilfsbereit. Aber wir verbringen unsere ganze Zeit in der Asylunterkunft. Ich musste etwas tun, ich wollte eine Botschaft senden. Also fing ich an, Bilder zu gestalten, die meine Erfahrungen von der Reise und dem Leid wiedergeben.

Dieses Bild aus Moustafa Janos Kampagne machte WFP-Mitarbeiterin Abeer Etefa 2012 in Syrien. "Ich war überrascht, als ich Pikachu auf dem Bild sah", schrieb Abeer. "Ich habe den Jungen nie vergessen, den ich auf meiner ersten Reise nach Ausbruch des Krieges in Homs traf. Er kam zu mir, als ich durch den Lärm der Kämpfe erschrak, nahm meine Hand und sagte mir, ich solle keine Angst haben. Er sei mittlerweile ein Experte und wisse genau, dass die Kämpfe nicht sehr nah seien. Er war kurz zuvor mit seiner Familie in sein Viertel Baba Amr zurückgekehrt, das monatelang umkämpft war. Sein Zuhause war eine Ruine. Er sagte zu mir. 'Es ist zerstört, aber es ist immer noch ein Zuhause und ich bin froh, wieder hier zu sein.’ Sein einziger Wunsch war, wieder in die Schule zu gehen und ein normales Leben zu haben. Er ist einer von vielen Syrern, die mich sehr berührt haben. Sein Foto wurde zum Inbegriff des Krieges in Syrien und der Millionen Kinder, deren Leben in den letzten fünf Jahren zerstört wurde."

 


„Diese Welt ist ganz verrückt nach Pokémon Go.
Aber während die Menschen hier Pokémon jagen,
werden meine Freunde  und meine Familie in Syrien gejagt.
Sie werden getötet, nur weil sie Syrer sind.


Ich habe Pokémon in Bilder eingefügt und daraus eine Kampagne gemacht, die sich weltweit verbreitet hat. Die Menschen liken und teilen die Bilder – aber wir müssen die internationale Gemeinschaft dazu bringen, diesen furchtbaren Krieg in Syrien zu beenden.

Ich werde es versuchen und wenn ich etwas tun kann, dann werde ich es tun: Mit Worten, Bildern oder Grafiken. Ich werde nie aufhören. Ich habe auch schon eine Ausstellung über bedeutende Gebäude in Syrien gemacht. Syrien ist nicht nur Krieg und Gewalt. Wir haben Kultur und eine lange Vergangenheit, wir haben das erste Alphabet der Welt erfunden. Kennt ihr Steve Jobs? Sein Vater ist aus Syrien. 


„Es gibt Gebiete in Syrien, wo die Menschen nicht genug zu essen haben, sie hunger.
Die internationalen Organisationen dürfen ihnen dort nicht helfen.
Das muss aufhören.“


Es geht mir nicht darum, wer den Krieg gewinnt. Es geht mir um die Menschlichkeit und um die Menschen, die noch immer in Syrien leben und leiden. Es gibt ein Sprichwort: Egal ob Osten oder Westen, Zuhause ist es am besten. Niemand verlässt freiwillig sein Land. Aber es herrscht Krieg. Wir sind Menschen, wir haben Gefühle und Hoffnungen.
Ich habe mein Wertvollstes verloren: meine Familie, meine Stadt, meine Freunde. Ich hoffe sehr, dass ich meine Frau und meine Kinder hierher holen kann. Ich will mich nicht auf all die Schwierigkeiten konzentrieren. Jetzt fokussiere ich mich auf meine Fotoausstellung, die in Stockholm gezeigt wird.  


„Inmitten eines Orkans sieht man nicht, was passiert.
Aber wenn er sich gelegt hat, erkennst du,
wie viel du verloren hast.“


 


 Lesen Sie hier auch die weiteren Teile der Briefe aus dem Bürgerkrieg.


 

Das UN World Food Programme (WFP) hilft jeden Monat ungefähr 4 Millionen Menschen in Syrien mit Notrationen und fast 1,5 Millionen Flüchtlingen in Nachbarstaaten mit Nahrungsmittelgutscheinen. Jeden Tag hören wir ihre Geschichten
und in den nächsten 6 Monaten werden wir diese Geschichten teilen.

 Unter dem Hashtag #IamSyrian erzählen die Frauen, Männer und Kinder von ihrem Leben vor dem Konflikt und von ihrem jetzigen Leben im Bürgerkriegsland oder im Exil.

Sie sprechen darüber, was sie und ihre Familien verloren haben und über ihre Hoffnungen für die Zukunft. Ihre Berichte richten sich an Menschen auf der ganzen Welt mit der Bitte, sich solidarisch zu zeigen. Teilen Sie ihre Geschichte unter dem Hashtag #IamSyrian und fordern Sie ein Ende des Blutvergießens in Syrien, indem Sie den Appell der Hilfsorganisationen vom 21. Januar unterstützen. 

Helfen Sie uns, eine weltweite Bewegung zu starten:
#IamSyrian