#IamSyrian – Briefe aus dem Bürgerkrieg Teil 9

Veröffentlicht am 24 August 2016

Ich bin ein Mann. Ich bin eine Frau. Ich bin eine Mutter, ein Sohn, ein Vater oder eine Tochter. Ich bin ein Flüchtling.
#IamSyrian

HALA

Bilder von Berna Cetin

Ich heiße Hala. Ich arbeite für das UN World Food Programme (WFP) und bin Syrerin. Vor vier Jahren kam ich in die Türkei, zu Beginn des Konflikts in Syrien. Meine Familie hat ihre Sommerferien oft gemeinsam in der Türkei verbracht und Verwandte besucht. Als der Konflikt ausbrach dachten wir zuerst, dass wir hier noch einen weiteren Sommer verbringen und dann im Herbst, wenn sich alles wieder beruhigt hat, zurückkehren könnten. Aber natürlich konnten wir das nicht.
In Syrien habe ich Englisch studiert. Ich hätte nur noch 9 Kurse abschließen müssen, aber ich konnte nie mehr zurück in meine Schule. Jetzt bin ich hier mit meiner Familie. 


Für WFP arbeite ich in Gaziantep. Meine Kollegen und ich arbeiten in den ärmsten Viertel der Stadt, und suchen die Flüchtlingsfamilien aus Syrien, die unsere Hilfe am meisten brauchen. Unsere Aufgabe ist es, die Menschen zu besuchen und direkt zu registrieren. Wir geben ihnen elektronische Gutscheine, damit sie in ausgewählten Supermärkten das Essen kaufen können, das sie brauchen und mögen. 
Ich weiß, dass es eine großartige Chance für mich ist, meinen eigenen Landsleuten zu helfen. Ich spüre, dass ich das tun muss. Ich muss ihnen helfen, weil sie aus meinem Land kommen – und es macht mich glücklich zu sehen, dass sie glücklich sind, wenn sie ihre elektronischen Gutscheine bekommen. 


Der Krieg in meiner Heimatstadt Aleppo ist wirklich schlimm. Elhamdülillah – Gott sei Dank – ist mein Leben in der Türkei gut. Ich fühle mich hier nicht als Flüchtling. Die Türkei ist meine zweite Heimat geworden. 
Ich hoffe, in der Zukunft wird alles gut – denn Syrien hat es verdient. Ich bin stolz darauf, Syrerin zu sein und ich vermisse jede einzelne Straße. Die Menschen sind des Krieges müde. Sie wollen in ihr Land zurückkehren und sich sicher fühlen.

HANI

Bilder von Dina El-Kassaby

Mein Name ist Hani. Ich bin 29 Jahre alt und in der syrischen Küstenstadt Tartus aufgewachsen. Jeden Sommer war meine Stadt ein Touristenziel für Syrer. Aber jetzt kommen die Familien hierher, weil sie sonst nirgends unterkommen. Ich bin Anwalt aber habe niemals in dem Beruf gearbeitet. Als ich mein Studium beendet hatte, war der Krieg schon ausgebrochen und es gab keine Arbeit für mich. 
Mein Vater, Gott beschütze ihn, ist schon älter und kann nicht mehr arbeiten. Meine Brüder sind nicht hier, einer ist in Aleppo, der andere in Latakia. Ich bin also der einzige, der sich um die Familie kümmern kann. Ich habe zwei Jobs. Tagsüber arbeite ich für die Hilfsorganisation Al Batoul und nachts in einem Café. Vor einer Weile traf mich ein Schuss in den Arm als ich auf dem Heimweg war. Ich war lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort. Mittlerweile geht es mir besser, obwohl ich noch immer einen Verband tragen muss und manchmal Schmerzen habe, wenn ich schwere Kisten trage. Aber zumindest habe ich nicht mein Leben verloren. 


Meine Arbeit bei Al Batoul ist eine echte Chance für mich. Die Hilfsorganisation ist ein Partner des UN World Food Programme (WFP) und das bedeutet, dass wir jeden Tag tausenden Familien helfen können. Das Beste daran ist, dass ich spüre, dass ich etwas verändern kann und deswegen bin ich sehr stolz auf meine Arbeit. Wenn ich einer alten Frau eine Kiste mit Nahrungsmitteln gebe, dann die Erleichterung in ihren Augen und ihre Gebete für mich genug um mich am Laufen zu halten. Wenn ich abends nach Hause geh, bin ich so dankbar, dass ich etwas tun konnte um ihnen das Leben etwas leichter zu machen. Das sind die Dinge, die mir Kraft geben und mich motivieren, am nächsten Tag wiederzukommen und weiterzumachen. Unsere Notrationen sind mehr als nur Reis und Öl – sie sind Lebensretter. 


Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem jeder in Syrien Hilfe braucht und ich sage den Menschen, dass sie sich nicht dafür schämen müssen. Die Menschen fragen mich manchmal, ob ich traurig bin, weil ich nie als Anwalt arbeiten konnte. Aber das bin ich ganz und gar nicht. Ich hatte Glück, dass ich diese Ausbildung bekommen konnte. Aber wenn ich darüber nachdenke wird mir bewusst, dass ich als Anwalt auch hätte versagen können. Als humanitärer Helfer bin ich erfolgreich und das genügt mir.


 Lesen Sie hier auch die weiteren Teile der Briefe aus dem Bürgerkrieg..


 

Das UN World Food Programme (WFP) hilft jeden Monat ungefähr 4 Millionen Menschen in Syrien mit Notrationen und fast 1,5 Millionen Flüchtlingen in Nachbarstaaten mit Nahrungsmittelgutscheinen. Jeden Tag hören wir ihre Geschichten
und in den nächsten 6 Monaten werden wir diese Geschichten teilen.

 Unter dem Hashtag #IamSyrian erzählen die Frauen, Männer und Kinder von ihrem Leben vor dem Konflikt und von ihrem jetzigen Leben im Bürgerkriegsland oder im Exil.

Sie sprechen darüber, was sie und ihre Familien verloren haben und über ihre Hoffnungen für die Zukunft. Ihre Berichte richten sich an Menschen auf der ganzen Welt mit der Bitte, sich solidarisch zu zeigen. Teilen Sie ihre Geschichte unter dem Hashtag #IamSyrian und fordern Sie ein Ende des Blutvergießens in Syrien, indem Sie den Appell der Hilfsorganisationen vom 21. Januar unterstützen. 

Helfen Sie uns, eine weltweite Bewegung zu starten:
#IamSyrian