Im Interview: Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller nach seinem Besuch im Libanon

Veröffentlicht am 11 November 2016

Wie kommt deutsche Hilfe bei syrischen Flüchtlingen an? Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller im Gespräch mit Shaha Ibrahim über die Vorteile elektronischer Gutscheinkarten. Foto: WFP/Edward Johnson

Deutschland ist 2016 der wichtigste Geber des UN World Food Programme (WFP) in der Syrienkrise. Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller machte sich bei einer Reise in den Libanon ein Bild über die Wirkung der Gelder vor Ort. Seine Eindrücke schildert er im Interview mit WFP.

1. Herr Minister, Sie waren im Oktober im Libanon, wo Sie WFP-Programme für syrische Flüchtlinge und bedürftige Libanesen besucht haben. Welche Erfahrungen haben Sie vor Ort gemacht? Was hat Sie am meisten überrascht/beeindruckt?

Mir war es wichtig, die WFP-Programme im Libanon vor Ort kennen zu lernen. Die persönlichen Gespräche mit WFP-Mitarbeitern und den libanesischen und syrischen Familien machen deutlich, was für eine wertvolle Arbeit das WFP bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln leistet und wie mit deutscher Unterstützung das Leben von hunderttausenden Menschen verbessert wird. Stark beindruckt haben mich die Gastfreundlichkeit der Menschen in den aufnehmenden Gemeinden und die Willensstärke der Flüchtlinge, die trotz der dramatischen Situation in ihrer Heimat nicht aufgeben, sondern weiter auf eine Rückkehr hoffen.

2. Die Bundesregierung ist in diesem Jahr der wichtigste Geber für WFP in Syrien und den Nachbarländern. Warum ist für Sie die Hilfe vor Ort besonders wichtig?

Jordanien, Libanon und die Türkei haben zusammen rund fünf Millionen Flüchtlinge aufgenommen, davon über die Hälfte Kinder. Für die Infrastruktur, Wirtschaft und Gesellschaft dieser Länder bedeutet das eine enorme Belastung. Hier werden wir weiter unterstützen. Ich habe mit vielen Familien gesprochen, die Mehrheit der Flüchtlinge will in der Nähe ihrer Heimat bleiben und sobald wie möglich zurückkehren. Dies erfordert, dass wir die Probleme vor Ort lösen: Neben der Versorgung mit Nahrungsmitteln, sorgen wir mit deutscher Hilfe dafür, dass rund eine Million syrische Flüchtlingskinder zur Schule gehen können. Bis Jahresende haben wir außerdem rund 50.000 Jobs im Krisengürtel in und um Syrien geschaffen, in Schulen, beim Bau von Wasserleitungen und Straßen, aber auch beim Wiederaufbau. Mit deutscher Hilfe konnten zum Beispiel 130.000 Menschen zurück nach Tigrit im Nordirak.Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller beim Einkauf im Libanon. Foto: Thomas Trutschel/photothek.netFoto: Thomas Trutschel/photothek.net

3. Sie haben in der Bekaa-Ebene syrische Familien, die elektronische Gutscheine von WFP bekommen, bei ihrem Einkauf in einem Supermarkt begleitet. Welche Eindrücke konnten Sie dabei gewinnen?

Das von WFP entwickelte Gutscheinsystem ähnlich einer Kreditkarte ermöglicht den Menschen, dringend benötigte Nahrungsmittel selbst zu kaufen. Dies bedeutet für die Menschen auch ein Stück Würde und Selbstbestimmung zurück zu gewinnen. Statt an einer Essensausgabe auf die Familienration zu warten, können die Familien das, was sie zum Kochen brauchen, selbst besorgen. Nach meinem Eindruck funktioniert das System sehr gut und die Familien sind dankbar für diese Hilfe. Das Geld wird vor Ort ausgegeben und unterstützt so auch die libanesische Wirtschaft. Die Lebensmittel werden vor Ort eingekauft und von lokalen Händlern angeboten.

4. Was sind aus Ihrer Sicht aktuell die größten Herausforderungen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) im Rahmen der Syrienkrise?

Die Syrienkrise stellt uns alle vor gewaltige Herausforderungen und kann nur gemeinsam bewältigt werden. Deutschland hat hier eine Vorreiterrolle eingenommen. Ich hoffe jedoch, dass die internationale Gemeinschaft aus den Fehlern der vergangenen Jahre gelernt hat und rechtzeitig vorsorgt, damit Flüchtlinge nicht erfrieren oder hungern müssen. Die Zusage der Kanzlerin anlässlich der Syrienkonferenz in London im Februar diesen Jahres  in Höhe von 570 Millionen Euro war die höchste Einzelzuwendung in der Geschichte des WFP und ist als deutliche Geste an andere Geber zu sehen, ihre Beiträge ebenfalls zu erhöhen, aber dann ihren Verpflichtungen auch nachzukommen. Hier haben zum Beispiel einige Golfstaaten vollmundige Versprechungen abgegeben, diese aber nicht erfüllt.

5. Sie sind seit 2013 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Wie würden Sie die Partnerschaft des BMZ mit WFP über die Syrienkrise hinaus beschreiben?

Das WFP ist ein wichtiger und zuverlässiger Partner des BMZ. Unsere Zusammenarbeit hat sich durch die Syrienkrise deutlich intensiviert. Wir arbeiten zudem eng im Rahmen unserer Sonderinitiative EINEWELT ohne Hunger zusammen, um Hunger und Mangelernährung in Afrika zu bekämpfen. Dabei setzen wir nicht nur auf altbewährte Ansätze: Mit der Gründung des Innovationszentrums in München im Sommer dieses Jahres gehen Deutschland und WFP neue Wege mithilfe digitaler Technik und findiger junger Start-Ups, um Ernährungskrisen besser vorbeugen zu können und um den größten Skandal auf unserem Planeten, den Hunger auf der Welt, zu beenden. Eine Welt ohne Hunger ist nämlich möglich, wenn wir unser Wissen nutzen und unsere Ressourcen gerecht verteilen.