So große Krisen wie nie zuvor

Veröffentlicht am 05 Mai 2014

Ralf Südhoff, WFP-Büroleiter, äußert sich in einem Gespräch mit der FAZ unter anderem zu den großen Krisen in Syrien, Südsudan und der Zentralafrikanischen Republik. 

Das UN World Food Programme (WFP) ist 2014 mit so vielen humanitären Krisen konfrontiert wie nie zuvor. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat die ernormen Herausforderungen nach einem Gespräch mit Ralf Südhoff, Leiter des WFP-Büros in Berlin, in diesem Artikel vom 03.05.2014 treffend zusammengefasst.

Von Rainer Hermann
Seit dem Zweiten Weltkrieg hatte es zu keinem Zeitpunkt gleichzeitig so viele Krisen mit dem höchsten humanitären Notstand gegeben, den die Vereinten Nationen ausrufen. So hat das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) in diesem Jahr den Auftrag, allein in den drei größten Krisenregionen Syrien, Südsudan und Zentralafrika über 10 Millionen Menschen zu unterstützen, die akut hungern oder auf der Flucht sind. Hinzu kommen bis zu 90 Millionen Hungernde weltweit. Davon sind fast 7 Millionen Menschen als Folge des Bürgerkriegs in Syrien und den Nachbarstaaten auf WFP-Hilfe angewesen; im Südsudan steigt die Zahl der Bedürftigen bis Ende des Jahres auf fast 2,5 Millionen; beim Konflikt in der Zentralafrikanischen Republik sind über 600.000 Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht, und 350.000 Menschen in Nachbarländer geflohen.  

Die Krise in Syrien ist bei weitem die größte. Das Welternährungsprogramm schätzt allein den humanitären Hilfsbedarf für die UN und die privaten Nichtregierungsorganisationen auf 6 Milliarden Dollar. Das umfasst für die Betroffenen in Syrien und für die Flüchtlinge in den Nachbarstaaten die Aufwendungen für Nahrungsmittel, Trinkwasser und die medizinische Versorgung, für Unterkünfte und den Bau von Schulen. Obwohl die Notwendigkeit von Hilfen weiter zunimmt, nimmt die Bereitschaft zur Finanzierung ab. Im vierten Jahr der Krise sei bei vielen Gebern eine „Ermüdung“ festzustellen, sagt Ralf Südhoff, der Leiter des WFP-Büros in Berlin.

Zudem wachse die Kritik, dass zugunsten der massiven Hilfe für Syrien andere Krisenherde aus dem Blickfeld gerieten. So sei die Finanzierung für die Hilfseinsätze im Südsudan und in der Zentralafrikanischen Republik schwierig. Um die notwenigen Hilfen leisten zu können, fehlten dem WFP 2 Milliarden Euro. Allein in Syrien, wo der Bedarf in diesem Jahr bei 2 Milliarden Dollar liegt, sei erst die Finanzierung von 25 Prozent gesichert, so Südhoff. Andererseits hat das Welternährungsprogramm innerhalb Syriens im März über 4 Millionen Menschen mit Nahrungsmitteln versorgt; das war doppelt so viel wie 12 Monate zuvor. Nicht erreicht wurden rund 500.000 Syrer, weil sie in belagerten Städten wohnen oder die Transporte auf dem Weg zu ihnen angehalten werden.

Die zweitgrößte Krise ereignet sich im Südsudan. Dort wird die Zahl der akut Hilfsbedürftigen derzeit auf mehr als 1,2 Millionen Menschen geschätzt. Davon erreicht das Welternährungsprogramm mehr als die Hälfte. Mehrere Provinzen des dünn besiedelten Landes sind nur über Luftbrücken zu erreichen. Eine Luftbrücke kostet aber 35 Mal so viel wie eine Hilfsaktion über Land. Werden zu viele Luftbrücken durchgeführt, kann die Hilfsaktion nicht lange dauern und fehlen die knappen Mittel in anderen Ländern. Zudem werden bei Luftbrücken jene, die die aus der Luft abgeworfenen Pakete einsammeln, leicht zu Zielen der angreifenden Kriegsparteien. Andererseits ist rasch Hilfe geboten, weil sonst die Zahl der Hilfsbedürftigen als Folge von Produktionsausfällen wie befürchtet auf 2,5 Millionen steigen wird, die Nothilfe brauchen oder Hilfen wegen Unterernährung.

Alarmierend ist in der Zentralafrikanischen Republik, dass die lokale Agrarproduktion aufgrund des Bürgerkriegs bereits um 40 Prozent gefallen ist. Damit sinkt die heutige Versorgung der Bevölkerung, gefährdet ist wegen des ausgehenden Saatguts auch die landwirtschaftliche Produktion im kommenden Jahr. Die Verteilung von Saatgut ist daher eine vordringliche Aufgabe des Welternährungsprogramms und seiner Partner.

Trotz der gigantischen Dimensionen der aktuellen Krisen gibt es auch gute Nachrichten. Denn sie zwingen die Hilfsorganisationen, neue Methoden zu entwickeln. Flüchtlinge, die in den Nachbarländern Syriens Zuflucht gefunden haben, werden dort immer weniger durch direkte Nahrungsmittelhilfen versorgt. Stattdessen erhalten sie von UN-Organisationen Gutscheine oder Kreditkarten, mit denen sie einkaufen können. So haben im Libanon bereits nahezu alle der eine Million syrischen Flüchtlinge eine UN-Kreditkarte. Mit ihr sind die Menschen keine Paketempfänger mehr, sondern können kaufen, was sie benötigen. Zudem werden die lokalen Volkswirtschaften gestärkt. So haben die syrischen Flüchtlinge im Libanon, in Jordanien und in der Türkei im vergangenen Jahr insgesamt 400 Millionen Dollar mit ihren WFP-Kreditkarten und den Gutscheinen ausgegeben. Eine zweite Änderung richtet die akute Nothilfe stärker darauf aus, dass sie nicht kurzfristig verpufft, sondern – wie bei der Verteilung von Saatgut – dafür Sorge trägt, dass die Menschen weniger auf Nothilfe angewiesen sein werden.

Weitere Informationen zur Lage in Syrien, Südsudan und der Zentralafrikanischen Republik finden Sie auf unserer Hunger Hotspot Seite.