Tagebuch aus Syrien: Ein Augenzeugenbericht von zerstörten Familien, Leid und dem Kampf ums Überleben

Veröffentlicht am 19 August 2016

In Qamischli spricht WFP-Landesdirektor Jakob Kern mit einem lokalen Reporter über eine Luftbrücke zur Unterstützung von 150.000 Menschen in der eingeschlossenen Stadt. Foto: WFP/Hiba Anty

Weltweit sind rund 14.000 Mitarbeiter des UN World Food Programme (WFP) jeden Tag für eine Welt ohne Hunger im Einsatz – viele von ihnen in Krisengebieten und Bürgerkriegsländern – so auch Jakob Kern. Der WFP-Landesdirektor in Syrien organisiert und begleitet regelmäßig Hilfslieferungen in belagerte Gebiete. In einem Tagebucheintrag erzählt er, wie er und sein Team zum ersten Mal nach Monaten 150.000 Menschen in der belagerten Stadt Qamischli per Flugzeug mit Nahrungsmitteln erreichen und was er auf dieser 37-stündigen Reise erlebt. 

Liebe Freunde,
Wir sind um 4 Uhr morgens in Qamischli gelandet. Zuvor haben wir ein stockdunkles Gebiet überflogen – der Zentrale Teil Syriens, der vom Islamischen Staat kontrolliert wird. Nach nur drei Stunden Schlaf in einem lauten Gästezimmer über dem WFP-Landesbüro im Qamischli habe ich zusammen mit 30 anderen Mitarbeitern gefrühstückt. Die Kollegen arbeiten an diesem abgelegenen Ort, von IS-Terroristen belagert und ohne Zugang in die benachbarte Türkei oder den Irak. Man sieht bei einigen im Team die Beunruhigung. Die Geschichten, die sie von den Menschen in den Notunterkünften oder Flüchtlingscamps hören, hinterlassen bei ihnen Spuren. Doch sie geben nicht auf und sorgen sich sehr um die hiesige Bevölkerung.

Wir besuchen an diesem Tag eine Ausgabestelle für Nahrungsmittel, die von einer unserer Partnerorganisationen betrieben wird. Die Außentemperatur liegt bereits bei 37 Grad Celsius. Frauen sitzen auf Stühlen im Schatten und warten darauf, eine Nahrungsmittelration von 50 Kilogramm entgegen zu nehmen, die für einen Monat reichen muss. Normalerweise unterstützen wir hier 275.000 Menschen. Aber der Landweg ist derzeit nicht passierbar und so können wir jetzt lediglich Nahrung für 55.000 Menschen einfliegen. Nur die bedürftigsten Familien wie alleinerziehende Frauen oder Witwen mit ihren Kindern, Vertriebene, Waisen, ältere und kranke Menschen erhalten dieses Mal Nahrungsmittel. 

In Qamischli sprach ein WFP-Mitarbeiter mit Witwen, die WFP zum ersten Mal seit über sechs Monaten mit Nahrungsmittelrationen unterstützen konnte. Die Mehrheit der Frauen musste wegen der herannahenden Kämpfe mehrfach fliehen, oftmals konnten sie nichts mit sich nehmen. Foto: WFP/Hiba Anty

Wenn man die Menschen hier fragt, wie sie sieben Monate lang ohne Unterstützung ausgekommen sind, erhält man diese Antworten: Sie haben Essen von Freunden und der Familie geliehen, haben alles verkauft, was möglich war. Sie haben ihre Kinder zum Arbeiten auf die Felder geschickt, damit sie etwas Geld verdienen oder monatelang auf Brot verzichtet, usw. Die Frauen mit denen ich gesprochen habe sahen aus wie um die 70. Aber mir wurde gesagt, dass sie alle erst um die 50 Jahre alt sind. Ihre Hände waren so rau von der harten Arbeit.
Auf dem weiteren Weg machen wir Halt an einer Unterkunft für Familien, die aus Deir ez-Zor geflohen sind – einer belagerten Stadt im Osten des Landes, wo WFP seit April Nahrungsmittel für die eingeschlossene Bevölkerung mit Fallschirmen aus der Luft abwirft. Die Unterkunft der geflüchteten Familien ist ein unfertiges Haus, die Fenster mit Ziegeln verschlossen, um sich vor Angriffen, Hitze oder Kälte zu schützen. 

Die Familien werden von unserem Partner, dem Syrischen Roten Halbmond, unterstützt. Dutzende leben zusammen in einem dreistöckigen Appartementhaus, zwei Familien teilen sich jeweils einen Raum. Die wenigen Habseligkeiten, die sie auf ihrer Flucht mitnehmen konnten, sind ordentlich an den Wänden gestapelt. Eine einzelne Puppe schaut aus einer Tasche heraus. Die Ecke eines Zimmers wird als Küche genutzt, doch es gibt nur Kochutensilien – kein Essen.
Die im Haus lebenden Menschen kommen zusammen und fangen an, mit uns zu reden. Sie weinen und ihre Geschichten sind voller Horrorszenarien: Die ständige Flucht vor den IS-Kämpfern, Krankheit, Tod und Verzweiflung. Auch wir müssen weinen, weil wir uns inmitten des Leides und des Elends hilflos fühlen. Eine Frau bringt für alle Taschentücher – es ist eine Geste der Gastfreundlichkeit in einer Welt des Krieges und der Gräueltaten. 


Eine Kinderpuppe ist unter den wenigen Habseligkeiten, die eine Familie retten konnte, bevor sie fliehen mussten. Foto: WFP/Jakob Kern

Souaad kommt aus Deir ez-Zor und ist vor einigen Monaten zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn aus der belagerten Stadt geflohen. Von ihrem letzten Geld zahlte die Familie 2.000 US-Dollar um mit einem Hubschrauber in den Norden von Rakka zu fliehen. Doch nur wenige Wochen später sind die IS-Kämpfer auch dorthin vorgedrungen. Sie haben Souaads Sohn vor ihren Augen geköpft. Sie und ihr Mann, der uns einen Tennisball großen Tumor auf seinem Oberkörper zeigt, mussten erneut fliehen. Dieses Mal nach Qamischli, wo sie nun in dieser Unterkunft Schutz haben. Souaad weint und fragt uns: „Wie sieht unsere Zukunft aus? Wohin werden wir von hier aus gehen können?“ 
Eine andere Frau nimmt die letzten 500 syrischen Pfund (etwa 0,80 Euro) aus ihrem handgestrickten Geldbeutel und schenkt ihn mir als Zeichen der Dankbarkeit darüber, dass WFP sie mit Nahrungsmitteln unterstützt. Ich glaube, sie war vor allem auch dankbar, dass wir ihr zugehört haben. Die schlimmste Seite des Krieges zeigt sich an seinen Opfern: Frauen, Kindern, ältere und kranke Menschen. Und ich merke, dass ich nicht viel tun kann, um ihnen zu helfen. 


Souaad kocht für ihre Familie in dem kleinen Raum, den sie in Qamischli mit einer anderen Familie teilen. „Vor dem Krieg hatte mein verstorbener Sohn ein kleines Auto und arbeitete als Fahrer. Er war der einzige, der Geld verdiente, weil mein Mann zu alt und zu krank zum Arbeiten war. Ich wünschte, Sie hätten mich an seiner Stelle getötet. Ich habe immer noch so unter dem Tod meines Sohnes gelitten, da began schon die Belagerung. Der Hunger hätte mich beinahe auch noch das Leben meiner Tochter und meiner Enkelin gekostet.“ Foto: WFP/Hiba Anty

Seit 9. Juli 2016 fliegt WFP zweimal täglich mit einem großen, alten Frachtflugzeug Nahrungsmittel nach Qamischli. Am Flughafen verfolge ich die Verladung. Dieses Mal bringen wir 40 Tonnen Nahrungsmittel und Zelte. Im Schatten des Flugzeugs sind es 45 Grad Celsius und mindestens 55 Grad auf dem Rollfeld. Auf der Seite des Flugzeuges steht die Aufschrift „Antarktis Logistik und Expeditionen“. Ich starre ziemlich lange auf die Schrift aber mir wird nicht sonderlich kühler. In der Ferne hören wir, wie eine Autobombe an einem Grenzposten explodiert. Rauch steigt auf und wir werden wieder daran erinnert, dass man sich in Syrien nirgends wirklich sicher fühlen kann.

Die Ladung eines WFP-Frachtflugzeugs wird in Qamischli entgegen genommen. An einer Ausgabestelle werden die Nahrungsmittel an bedürftige Gemeindemitglieder wie Witwen, alleinerziehende Mütter, ältere und kranke Menschen verteilt.

Im Laufe des Tages habe ich erfahren, dass mein Flug zurück nach Damaskus gestrichen wurde und auch am folgenden Tag kein Flug möglich ist. Doch dann bekomme ich für denselben Tag doch noch einen Platz in einer Maschine der Syrian Airlines, die um 23 Uhr starten soll. Der Flug hat drei Stunden Verspätung. In diesem alten Flugzeug gibt es keine zugewiesenen Plätze und auch keine Gurte zum Anschnallen. Die ersten beiden Stuhlreihen stehen einander gegenüber, mit einem Tisch in der Mitte wie in einem Zug. Man sagt mir, dass dies die Business-Class sei. 
Um 4 Uhr morgens lande ich wieder in Damaskus. Wegen Scharfschützen auf den Straßen war der Rückweg zur Unterkunft um diese Uhrzeit zu gefährlich. Also verbringe ich drei Stunden im maroden Flughafenhotel. Ich schlafe mit offener Tür, weil die Zimmer keine Schlüssel mehr haben. Die elektronischen Schließkarten werden in den USA produziert und können nicht mehr importiert werden. Nach so vielen Kriegsjahren haben sie die meisten Karten verloren.
Gegen 8 Uhr – 37 Stunden später – bin ich endlich wieder zurück im Büro und erfahre, dass am Morgen ein großer Lastwagen in Qamischli explodiert ist. Glücklicherweise wurde keiner aus unserem Team verletzt. Ich denke an all die Menschen, die ich auf meiner Reise getroffen habe. 
Bleibt gesund,
Jakob

Das UN World Food Programme (WFP) hilft jeden Monat ungefähr 4 Millionen Menschen in Syrien  und fast 1,5 Millionen Flüchtlingen in Nachbarstaaten.  Über eine Luftbrücke plant WFP, 150.00 bedürftige Menschen zu unterstützen, die seit über sechs Monaten keine Hilfe mehr erhielten. Seit April wirft WFP zudem Nahrungsmittel für 110.000 Menschen per Fallschirm über der belagerten Stadt Deir ez-Zor ab. WFP fordet einen bedingungslosen, ungehinderten und dauerhaften Zugang zu den Menschen in ganz Syrien.

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