Überforderte Helfer, Spender, Opfer: Warum eine Revolution der humanitären Hilfe nötig ist

Veröffentlicht am 14 Oktober 2016

Klimakatastrophen treffen die Armen wiederholt am stärksten, wie hier Hurrikan "Matthew" in Haiti. Foto:WFP/Alexis Masciarelli

Ein einziges Beispiel reicht, um deutlich zu machen: So können wir Helfer nicht weitermachen. Ein Gastbeitrag von Ralf Südhoff, Direktor des UN World Food Programmes in Deutschland, Österreich und der Schweiz, veröffentlicht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Die Presse.

In sage und schreibe 20 Ländern musste das UN World Food Programme zuletzt nicht weniger als 5mal hintereinander die selben Bevölkerungen vor Klimaschocks retten.

Im fast gleichen Zeitraum sind die Not und der jährliche Bedarf an humanitärer Hilfe weltweit explodiert, von US$ 2 Milliarden im Jahr 2000 auf über US$ 20 Milliarden in 2016 – eine Verzehnfachung.

Dies hat viele Gründe, insbesondere Großkonflikte wie in Syrien und dem Irak, in Nigeria und Jemen, die auch zum Welternährungstag an diesem Sonntag wieder im Mittelpunkt stehen werden. Zugleich hat es aber einen Grund, der von den Kriegen dieser Welt derzeit völlig in den Schatten gestellt wird: Die bereits dramatischen Folgen des Klimawandels. Dabei haben wir heute mehr innovative Werkzeuge und Mittel in Händen als je zuvor, um die Folgen des Klimawandels zu meistern – wenn wir die humanitäre Hilfe auf völlig neue Füße stellen.

Wer in die Zukunft schauen will, welch drastische Auswirkungen der Klimawandel haben wird, muss akut nur auf das einmal mehr von einem Hurrikan geschundene Haiti schauen oder seit Monaten auf die Folgen des Wetterphänomens El Nino. Während noch unklar ist, wie eng dieses mit dem Klimawandel zusammenhängt, sind seine dramatischen Folgen doch wie ein Spiegelbild aller Vorhersagen zu den künftigen Auswirkungen der Klimaveränderungen: Allein im südlichen Afrika 7,5 Millionen Hungernde in den sieben am schwersten von der Dürre betroffenen Ländern, vier dieser Staaten haben bereits den nationalen Notstand ausgerufen. Und das Schlimmste steht den Menschen noch bevor: Ende des Jahres werden auch die letzten Vorräte aufgebraucht, die Menschen noch weiter verschuldet, die Kinder noch mangelernährter sein – 18 Millionen Menschen südlich des Äquators drohen dann zu hungern. Jahrelang erarbeitete Erfolge im Kampf gegen Hunger und Armut drohen vernichtet zu werden, und dies gilt auch global:

Handelt die Weltgemeinschaft nicht schnell, könnten durch den Klimawandel über 100 Millionen Menschen zusätzlich verarmen. Langfristig drohen die globalen Ernten um 30% zu sinken und die Nahrungsmittelpreise um bis zu 70% zu steigen.Hurrikan "Matthew" hat auch in Kuba schwere Schäden angerichtet. Foto:WFP/Norberto Roll

Dies verdeutlicht zweierlei: Wir müssen den Klimawandel bremsen, und mit der jüngsten Ratifizierung des Pariser Klimaabkommens ist dafür ein wichtiger Schritt getan. Zweitens sind die Folgen des Klimawandels aber schon jetzt und heute dramatisch – und wir humanitären Helfer müssen mit diesen ganz anders umgehen als in der Vergangenheit.

Die Vergangenheit ist: Wann immer ein Tornado, eine Überschwemmung, eine Dürre wütet, kommen die Nothelfer. Wir retten immer wieder dieselben Menschen, und das immer öfter: Fast einmal pro Tag bricht heute irgendwo auf dem Globus ein Wetterdesaster aus.

Wir müssen die Hilfe verändern. Sie muss schneller, effizienter und vor allem eigenständiger werden – wir müssen sie übergeben an die Betroffenen und ihre Regierungen selbst. Dafür gibt es heute eine Serie innovativer und weitgehend ungenutzter Werkzeuge.

Stichwort Schnelligkeit: Eine WFP interne Untersuchung hat ergeben, dass unsere Hilfe während der Ernährungskrise in Niger binnen 6 Monaten sich um mehr als 300 Prozent verteuert hat. Zu Beginn der Krise kostete es ganze US$ 7, ein Opfer der Dürre hinreichend zu unterstützen. Ein halbes Jahr später, als die nötigen Gelder mobilisiert waren, waren es US$ 23 pro Person. Vorfianzierung ist hier das Schlüsselwort, wie auch eine umfassende 5-Länder-Studie der britischen Regierung belegt.

Hierzu braucht es aber einen völligen Paradigmenwechsel: Es gilt die heute viel ausgefeilteren Vorhersagen von Wetterdesastern zu nutzen – und aufgrund schierer Wettervohersagen zu handeln. Nahrungsmittel, die vor der Überschwemmung zu den Betroffenen gelangen, erreichen die richtigen Menschen zur richtigen Zeit – statt viel weniger Menschen mit sehr teuren Luftabwürfen inmitten der Flut zu versorgen.

Stichwort Effizienz: Selbst wer Wetterprognosen nur bedingt vertraut, kann mit ihrer enormen Effizienz überzeugt werden. Je nach Landessituation kann bis zu sechs Mal falscher Alarm ausgelöst werden – sogar beim 7. Mal sind die Gesamtkosten für alle frühzeitigen Noteinsätze zusammen immer noch geringer, als wenn einmal mitten im Desaster gehandelt wird. Das deutsche Auswärtige Amt arbeitet daher intensiv an entsprechenden Pilotprojekten in besonders anfälligen Ländern wie Haiti, Bangladesch, Nepal und den Philippinen.Oftmals treffen Überflutungen wie hier in Bangladesch immer wieder die gleichen Menschen. Foto:WFP/Ranak Martin

Das Ziel all dieser Bemühungen: Risiken statt Katastrophen zu managen. Viel früher zu finanzieren, zu handeln – und zu erreichen, dass Krisen nicht zu Katastrophen werden.

Dazu können auch innovative Instrumente dienen, die zugleich die Eigenständigkeit der betroffenen Menschen und Länder stärken, wie zum Beispiel „Wetterversicherungen“ und Risiko-Fonds.

Die Erfahrungen mit Versicherungen wie auch mit Mikrokrediten waren nicht immer gut:  Kann es gelingen, just die Ärmsten der Armen, die Hungernden über Versicherungen abzusichern, also die, die es am nötigsten brauchen? Der Gewinn wäre enorm: 3 von 4 Hungernden weltweit leben auf dem Land und sind meist Kleinbauern. Viele von ihnen sind durchaus produktiv, doch heute macht vielfach alle 2-3 Jahre eine Dürre ihre Existenz zunichte. Sollen sie nicht immer wieder auf externe Hilfe angewiesen sein, brauchen sie einen Schutzschirm, eine Absicherung. Aber wie sollen gerade sie  eine Versicherung bezahlen?

Zum Beispiel mit ihrem größten Vermögen: Ihrer Hände Arbeit. Innovative Versicherungen setzen heute nicht auf Geldprämien, die oft dauerhaft subventioniert werden müssen. Ansätze wie die Rural Resilience Initiative tragen den Möglichkeiten der Ärmsten Rechnung, indem sie für ihren Versicherungsschutz arbeiten. Ihr Engagement stecken sie dabei in Projekte ihrer Gemeinde, die sie zugleich vor den Folgen der nächsten Dürre schützen, wie Bewässerungsanlagen, Dämme, Zisternen. Ihr Lohn ist eine Versicherungspolice.

Rund eine halbe Million US-Dollar erhielten jüngst so versicherte Kleinbauern in Äthiopien, Senegal und Malawi als Auszahlung, weil ihre Ernten unter El Nino leiden. Was im Kleinen erste vielversprechende Erfolge zeigt, hat staatenübergreifend schon ganz andere Dimensionen:

Mit der African Risk Capacity (ARC) haben die afrikanischen Staaten einen Risiko-Fonds aufgelegt, der sie solidarisch vor Wetterdesastern schützt. Seit 2014 sind so Senegal, Mauretanien, Niger und Kenia versichert. Zugleich werden die Staaten des Nordens nicht aus ihrer entscheidenden Verantwortung für den Klimawandel entlassen, rund 50 Prozent des ARC Grundkapitals stammt allein von der deutschen KfW.

2015 kam es auch bei ARC bereits zur ersten Auszahlung: Auf die Dürre in Westafrika folgte eine Ausschüttung in Höhe von US$ 24 Millionen. Der Vorteil: Schlagen die spezialisierten Frühwarnsysteme an, erhalten die betroffenen Staaten sofort Hilfen und müssen nicht auf langwierige Zusagen, Mitteltransfers oder gar leere Versprechen aus dem Norden warten. Und springt statt der überforderten Hilfstöpfe eine Versicherung ein, sind desto mehr Mittel frei um die Entwicklungsländer gegen die Folgen des Klimawandels zu wappnen und erneute Hilfen weniger und weniger nötig zu machen.

Im oft von Dürren und Trockenheit heimgesuchten Niger helfen Kleinbauern zusammen, um einen Damm zu bauen. Foto:WFP/Rein Skullerud

Dieser neue Ansatz mit Blick auf Schnelligkeit, Effizienz und Eigenständigkeit der Hilfe und seine zahlreichen weiteren Elemente lassen sich nur durchsetzen, wenn Regierungen, Helfer und Betroffene dies wirklich wollen. Gelingt dies, haben alle gewonnen: Innovationen wie die ARC decken heute schon zwischen 10 und 30 Prozent des humanitären Bedarfs in den besagten Krisen. Doch viel mehr ist möglich: Bislang ist beispielsweise das UN World Food Programme komplett aus freiwilligen Zuwendungen von überforderten Regierungen und Spendern finanziert. Nutzen wir aber das Potential allein von Risiko-Fonds, könnte WFP schon in wenigen Jahren den Großteil seiner Hilfen nach Wetterdesastern aus Fonds statt aus Spenden finanzieren. Eine Revolution der humanitären Hilfe muss die Antwort auf die heutigen Herausforderungen sein.