#IamSyrian – Briefe aus dem Bürgerkrieg

Veröffentlicht am 02 Februar 2016

Ich kann die Welt nicht zum Zuhören bringen – Ihr könnt es.

Der Bürgerkrieg hat Millionen Syrer im Land vertrieben und zur Flucht gezwungen. Wir möchten Euch die Möglichkeit geben, Eure Solidarität mit diesen Menschen zu zeigen.

Unter dem Hashtag #IamSyrian erzählen Frauen, Männer und Kinder von ihrem Leben vor dem Konflikt und von ihrem jetzigen Leben im Bürgerkriegsland oder im Exil. Sie sprechen darüber, was sie und ihre Familien verloren haben und über ihre Hoffnungen für die Zukunft.

Inas, Jamal, Ziad und Nasser wenden sich an Menschen auf der ganzen Welt mit der Bitte, sich solidarisch zu zeigen. Teilt ihre Geschichten unter dem Hashtag #IamSyrian und fordert ein Ende des Blutvergießens in Syrien, indem Ihr den Appell der Hilfsorganisationen vom 21. Januar unterstützt.

INAS

Bilder von Abeer Etefa

Inas

Mein Name ist Inas und ich möchte Euch vom 8. Januar 2013 erzählen – ein Tag, den ich nie vergessen werde. Es war der Tag, an dem mein Mann verschwand und meine drei Töchter und mich allein zurückließ.

Wir lebten glücklich in Syrien. Das Leben war ruhig, aber wir waren zufrieden. Mein Mann ging morgens zur Arbeit und kam jeden Abend wieder. Am 8. Januar kam er nicht zurück. Ich habe versucht ihn anzurufen, seine Kollegen zu erreichen – ich habe alles versucht, aber niemand hat seitdem etwas von ihm gehört.

Ich habe zwei Jahre auf ihn gewartet. Eines Tages wurden die Kämpfe schlimmer und unser Haus wurde komplett zerstört. Wir mussten mitten in der Nacht fliehen. Ich hatte solche Angst um meine kleinen Mädchen. Die Kämpfe waren wie Lauffeuer, verbreiteten sich schneller als wir rennen konnten.


„Ich hoffe, meine Kinder werden ein besseres Leben führen als ich.“


 

Wir sind jetzt im Libanon, wo wir immer noch beim Lärm von Raketen, Waffen und Kämpfen einschlafen und aufwachen. Es ist kalt hier und wir vermissen die Wärme unserer Betten, unseres Zuhauses. Ich wickle die Mädchen nachts in Decken, damit sie vielleicht aufhören zu zittern. In diesen behelfsmäßigen Zelten hält uns nichts warm.

Mit den Gutscheinen von WFP können wir Reis, Mehl, Butter, Zucker, Öl, und was immer wir uns sonst noch leisten können, kaufen. Es ist nicht genug, aber ich weiß nicht, was ich ohne machen würde. Wie sollte ich meine Töchter ernähren?

Wenn Ihr in der Lage seid, unsere Hoffnungen und Ängste für die Zukunft anzuhören, dann hört mir bitte zu. Mein einziger Wunsch ist, dass meine Kinder ein besseres Leben haben werden als ich. Ich möchte, dass sie nach Syrien zurückkehren und eine Ausbildung bekommen können. Das wünsche ich mir nicht nur für meine Töchter, sondern für alle syrischen Kinder, die nicht in die Schule gehen. Ich möchte nicht, dass sie alles im Leben verpassen.

#IamSyrian

Eure Inas

 

Inas mit ihren TöchternDie Zelte im Libanon

 

JAMAL

Bilder von Giulio d'Adamo

Jamal mit Hammer

Mein Name ist Jamal. Ich komme aus einem Dorf namens Khirbet Ghazeleh in Syrien, aber jetzt lebe ich in einem Flüchtlingscamp in Jordanien.

Mein Zuhause in Syrien war mein Paradies. Was ich machen wollte, hab ich getan. Jetzt, als Flüchtling, ist mir alles, was ich möchte, alles worauf ich hoffe, versagt. Zuhause habe ich mit meiner Familie und Freunden gelebt. Ich habe als Tischler gearbeitet, das Leben war gut. Doch als der Konflikt ausbrauch, musste ich aufhören zu arbeiten und alles änderte sich.


"Mein Zuhause in Syrien war mein Paradies. Was ich machen wollte, hab ich getan. Jetzt, als Flüchtling, ist mir alles, was ich möchte, alles worauf ich hoffe, versagt."


 

Hier im Camp kann ich ein wenig als Tischler arbeiten, aber das ist schwer ohne mein Werkzeug. Ein Hammer ist alles, was ich aus Syrien mitgenommen habe – als Erinnerung an mein Heimatland und daran, wer ich dort war. Ich wünschte, ich hätte auch ein paar Bilder meiner Familie mitnehmen können.

Wenn ich einen Wunsch hätte, wäre es, wieder unter meinen Freunden zu leben. Wir hatten so viele wunderbare Stunden zusammen. Aber der Konflikt hat die Hälfte von ihnen getötet.

Ich möchte die internationale Gemeinschaft dazu auffordern, den Konflikt in Syrien zu beenden, damit wir nach Hause, in unser Leben zurückkehren können. Nun sitze ich fest … meine Zukunft ist die eines Flüchtlings, der sich nicht frei bewegen, der nicht arbeiten kann. Ich vermisse mein Land, mein Zuhause, meine Nachbarn … aber mein Land wurde zerstört. Dort gibt es jetzt nichts für mich.

#IamSyrian

Euer Jamal

 

Jamal in der WerkstattJamals in seinem Zimmer

 

ZIAD

Bilder von Giulio d'Adamo

Ziad mit Tochter

Ich heiße Ziad. Ich bin in einem kleinen Dorf in der Gegend Al Hajah in Syrien aufgewachsen. Danke, dass Ihr meinen Brief lest. Wenn Ihr hier im Flüchtlingscamp Zaatari wärt, würde ich Euch zu mir nach Hause einladen. Es bedeutet mir sehr viel, meine Geschichte mit Euch zu teilen.

Im Moment lebe ich in einem Flüchtlingscamp in Jordanien. Dort arbeite ich als Wachmann für WFP, wenn die Nahrungsmittelgutscheine ausgegeben werden. Und Ich helfe, wenn Dinge im Camp repariert werden müssen.

Mein jetziges Leben ist ganz anders als mein Leben vor dem Konflikt. Zu Hause in Syrien war mir alles vertraut. Ich habe zwischen Verwandten und Nachbarn gewohnt, die ich gut kannte. Ich war Landwirt und habe vom Schweiß meiner Arbeit gelebt und meine Familie ernährt. Ich habe Gemüse auf meinem eigenen Land angebaut und ich war zuversichtlich, dass meine Kinder sicher und in der Familie gut aufgehoben sind. Hier im Camp ist man auf sich allein gestellt. 


"Ich war Landwirt und habe vom Schweiß meiner Arbeit gelebt und meine Familie ernährt. Ich habe Gemüse auf meinem eigenen Land angebaut und ich war zuversichtlich, dass meine Kinder sicher und in der Familie gut aufgehoben sind."


 

Deine Heimat zu verlassen ist eine sehr schwere Entscheidung. Ich wusste, ich würde mich am Anfang in Jordanien fremd fühlen. Gedichte helfen mir dabei, meine Erfahrungen zu verarbeiten. Seit ich hier ankam, habe ich schon mehrere Gedichte geschrieben. Zu Hause hatte ich ein ganzes Notizbuch voll mit meinen Gedichten. Die Umstände haben es mir aber nicht erlaubt, es mitzubringen.

Das Leben hier ist hart. Arbeit ist rar und die Hilfe, die wir bekommen deckt kaum unsere Grundbedürfnisse bis zum Ende des Monats. Das Einzige, was ich habe, ist eine Bohrmaschine mit der ich kleinere Reparaturen im Camp machen kann, und eine Rebab, ein Saiteninstrument, das ich benutze während ich meine Gedichte vortrage.

Damals in Syrien habe ich es geliebt, Gedichte über Romantik, Werte und Rittertum zu schreiben. Seitdem ich hier in Zaatari lebe, handeln alle meine Gedichte von meiner Sehnsucht, wieder nach Hause zurückzukehren.

#IamSyrian

Euer Ziad

Ziads TöchterZiad mit Töchtern und seinem Instrument

 

NASSER

Bilder von Abeer Etefa

Nasser

Mein Name ist Nasser. Ich bin 13 Jahre alt und komme aus Aleppo. Im Moment lebe ich mit meiner Mutter und meinem Vater, meinen Brüdern und meinen Schwestern in einem Flüchtlingscamp im Libanon. Ich bin der Älteste von meinen Geschwistern.

Jeden Tag gehe ich raus und suche vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang im Müll nach Metall und leeren Dosen. An einem guten Tag verdiene ich so einen oder zwei Dollar, um meine Familie zu unterstützen.

Wenn ich an mein Zuhause in Aleppo denke, erinnere ich mich daran, wie schön es dort war. Ich denke an meine Schule, die gleich nebenan war. Unser Haus wurde durch einen Luftangriff zerstört. Wir haben drei Tage gebraucht, um aus Aleppo zu flüchten. Wir haben nichts mehr. Ich weiß nicht, wo meine Freunde jetzt sind.


"Ich möchte in mein Land zurückkehren. Ich möchte mein Leben in Syrien zurück."


 

Manchmal glaube ich, dass ich nie wieder in die Schule gehen kann. Es ist nun schon vier Jahre her, dass ich meine Schule in Syrien verlassen habe. Ich weiß nicht mehr, wie man liest und schreibt. Das Einzige, was ich im Moment tun muss, ist meiner Familie zu helfen. Früher hat mein Vater gearbeitet, aber jetzt ist er krank. Er wird oft ohnmächtig und bricht zusammen.

Alles, was mein kleiner Bruder und ich im Müll sammeln, kann uns helfen, Brot zu kaufen, um unsere jüngeren Geschwister zu ernähren.

Ich möchte, dass mein Land wieder so wird, wie es früher einmal war, oder sogar noch besser. Ich möchte in mein Land zurückkehren. Ich möchte mein Leben in Syrien zurück.

#IamSyrian

Euer Nasser

Nasser und sein BruderNasser beim Essen mit der Familie
 

Lesen Sie hier auch die weiteren Teile der Briefe aus dem Bürgerkrieg.


                                             Spenden: de.wfp.org/syrien