Syrien: Nahrungsmittelproduktion auf Tiefststand

Veröffentlicht am 15 November 2016

Gemeinsam mit der FAO unterstützt WFP den Aufbau und Erhalt der lokalen Landwirtschaft in Syrien. Foto: WFP/Dina El-Kassaby

Die Nahrungsmittelproduktion in Syrien hat ein Rekordtief erreicht, da weitverbreitete Unsicherheit und schlechte Wetterbedingungen in Teilen des Landes den Zugang zu Anbauflächen, landwirtschaftlicher Ausrüstung und Märkten weiter stören. Für die Bauern wird es immer schwieriger, ihre Betriebe zu erhalten und das kriegsgeplagte Land zu ernähren.  

Nach fünf Jahren Bürgerkrieg können Bauern in Syrien die Folgen der Krise nicht mehr bewältigen. Das zeigt die jüngste Analyse der Vereinten Nationen zu Ernten und Ernährungssicherheit, welche die Food and Agriculture Organisation (FAO) und das World Food Programme (WFP) durchgeführt haben. Steigende Preise und mangelnde Betriebsmitteln wie Dünger und Saatgut führen dazu, dass den Bauern keine andere Option bleibt, als die Nahrungsmittelproduktion aufzugeben, wenn sie nicht umgehend Unterstützung erhalten.  Dies wird wahrscheinlich schwerwiegende Folgen haben, nicht allein für die Bauernfamilien und ihre Möglichkeiten, sich zu ernähren, sondern auch für die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln im ganzen Land – was dazu führen könnte, dass weitere Familien ihre Heimat verlassen müssen.  

Getreideproduktion auf Tiefststand

Die Anbauflächen für Getreide waren im Erntejahr 2015-16 so klein wie nie zuvor, legt der Bericht basierend auf Untersuchungen im ganzen Land dar. Syrische Bauern bestellten im vergangenen Jahr Schätzungen zufolge 900.000 Hektar mit Weizen – vor der Krise waren es 1,5 Millionen Hektar. Die landwirtschaftliche Produktion zeigt jedoch noch dramatischere Rückgänge: Wurden vor dem Bürgerkrieg durchschnittlich 3,4 Millionen Tonnen Weizen geerntet, sind es in diesem Jahr nur noch 1,5 Millionen Tonnen, ein Rückgang von 55 Prozent. 

Infolge der Krise und von Sanktionen sind Handel und Märkte gestört, hochwertiges Saatgut, sowie Dünger, Maschinen und Treibstoff sind nur begrenzt vorhanden. Die auf den lokalen Märkten verfügbaren Güter sind oft überteuert und von zweifelhafter Qualität. Hinzu kommen schlechte Regenfälle und die Zerstörung wichtiger Bewässerungssysteme, was die Situation für die Bauern noch verschlimmert. 

„Landwirtschaft war vor der Krise die Haupteinkommensquelle für Familien auf dem Land und es wird bis zu einem gewissen Grad weiterhin produziert, aber die Grenzen sind erreicht und die Bauern können die Situation zu großen Teilen nicht mehr bewältigen“, erklärte Abdessalam Ould Ahmed, stellvertretender Generaldirektor der FAO und Vertreter für den Nahen Osten und Nordafrika. 

„Die Ernährungssituation von Millionen Syrern verschlechtert sich immer weiter. Mehr als sieben Millionen Menschen im Land leiden Hunger, sie haben ihre letzten Ersparnisse aufgebraucht und können ihre Familien nicht mehr ernähren“, sagte Muhannad Hadi, WFP-Regionaldirektor für den Nahen Osten, Nordafrika, Zentralasien und Osteuropa. „WFP und FAO arbeiten eng zusammen, um stärker in landwirtschaftliche Programme zu investieren, die Existenzgrundlagen für die Familien schaffen. Das ist der effektivste Weg die Ernährungssituation langfristig zu verbessern.“

Folgen für die Viehzucht

Viehzüchter spüren die Auswirkungen der Krise gleichermaßen. Die Aufzucht der Tiere wird immer schwieriger und teurer, viele Familien waren dazu gezwungen, ihre Schafe, Ziegen und Geflügel zu verkaufen oder zu schlachten. 

Anhaltende Kämpfe und weit verbreitete Unsicherheit verschlechtern den Zugang zu Weideland und Wasserstellen immer weiter, während Tierfutter für viele Viehhalter unbezahlbar geworden ist. Das gilt besonders für Gebiete, in denen viele Vertriebene leben, die ihre Viehbestände mitnahmen, als sie von zuhause fliehen mussten. Der syrische Veterinärdienstes verfügt mittlerweile kaum noch über Impfungen und Medikamente, was es für die Hirten sehr schwierig macht, ihre Tiere gesund zu halten.

Die Folge ist, dass die Zahl der Herden in Syrien – das früher selbst Vieh exportierte – seit Ausbruch der Krise deutlich zurückgegangen ist. Heute gibt es 30 Prozent weniger Rinder, 40 Prozent weniger Schafe und Ziegen und erschütternde 60 Prozent weniger Geflügel – traditionell die bezahlbarste Proteinquelle im Land.

Preisanstieg und gestörter Handel 

Allgemeine Engpässe sowie Kürzungen der Treibstoffversorgung und der Nahrungsmittelsubventionen haben zu steigender Inflation und der Abwertung des Syrischen Pfund beigetragen. Dadurch können sich Menschen in Syrien überlebenswichtige Importe nicht mehr leisten.

In den letzten 12 Monaten stiegen zudem die Preise für landwirtschaftliche und tierische Erzeugnisse. Aufgrund von Wirtschaftssanktionen, gestörten Märkten und dem sinkenden Wert des Syrischen Pfunds, sind die Preise für landwirtschaftliche Mittel wie Saatgut stärker gestiegen als die der Endprodukte. Infolgedessen erleiden Landwirte schwere Verluste.

Im Juni dieses Jahres haben neue Getreideernten und die Luftabwürfe von Nahrungsmitteln in die belagerte Stadt Deir Ezzor die Versorgung der Bevölkerung verbessert und die Preise für Weizenmehl auf den Hauptmärkten zwar um 12 bis 15 Prozent verringern können. Nichtsdestotrotz waren die Weizenpreise im Juni noch immer zwischen 40 und 50 Prozent höher als im gleichen Zeitraum 2015. 

Damit Familien weiter in eigenen Gärten Nahrungsmittel anbauen und Nutztiere halten können, hat die FAO in diesem Jahr bereits über 500.000 Menschen mit Getreide- und Gemüsesamen, Hühnern sowie Tierfutter und Impfstoffen unterstützt.

Seit 2011 hat der Konflikt fast 11 Millionen Menschen vertrieben, wovon 4,8 Millionen in die Nachbarländer geflohen sind. Viele Familien sind bereits mehrfach innerhalb Syriens vertrieben worden.

WFP unterstützt jeden Monat mehr als 4 Millionen bedürftige Menschen in Syrien. Rund 30 Prozent der gesamten Ernährungshilfe werden über Landesgrenzen und Frontlinien hinweg zu den Menschen in belagerten und schwer erreichbaren Gebiete geliefert. Die deutsche Bundesregierung unterstützt die WFP-Ernährungshilfe in Syrien und den Nachbarländern 2016 insgesamt mit 570 Millionen Euro für Nothilfeprogramme und innovativen Programmen zur Stärkung der Existenzgrundlagen der Betroffenen. 

Jüngsten Befragungen zufolge sind 9,4 Millionen Menschen in ganz Syrien auf Unterstützung angewiesen – rund 716.000 mehr als noch im September 2015. Die Gebiete, wo die Zahl der Hilfsbedürftigen am stärksten stieg, sind Kuneitra, Daraa, Damaskus, Idlib und Aleppo.