Interview der Berliner Zeitung mit Ralf Südhoff (WFP)

Veröffentlicht am 20 Januar 2009

"Das Heer der Hungernden wird immer größer"

Dieses Interview mit dem Leiter des Berliner WFP-Büros, Ralf Südhoff, erschien am 17. Januar 2009 in der Berliner Zeitung. Sie finden dieses Interview auch im Online-Archiv der Berliner Zeitung, ebenso wie einen weiteren Artikelzum Thema Finanzkrise und Hunger.

InterviewNach der Hungerkrise im vergangenen Jahr, die zu teils gewalttätigen Protesten gegen die steigenden Lebensmittelpreise führte, wollten die Geberstaaten mehr Geld in die ländliche Entwicklung investieren. Doch es fehlt an Geld, selbst die Bedürftigsten zu versorgen, sagt Ralf Südhoff vom Welternährungsprogramm der Uno.

Berliner Zeitung:

Hohe Agrarpreise, Hunger und soziale Unruhen bestimmten während der Agrarpreiskrise im letzten Jahr die Schlagzeilen. Ist die Krise überwunden?RalfSüdhoff: Nein, die Preise sind zwar gesunken - aber nur von einem sehr hohen auf ein hohes Niveau. Für Getreide liegen sie im Schnitt noch 80 Prozent höher als 2005. Getreide, wie auch Mais und Reis, aber sind die Hauptnahrungsmittel derer, die schon vor Ausbruch der Agrarpreiskrise zwei Drittel des Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben mussten.

Profitieren Kleinbauern von den höheren Preisen?In geringem Maße. Das zu ändern wird zu den größten Herausforderungen in diesem Jahr gehören. 2008 stand im Zeichen der Nothilfe. Jetzt muss die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern vorangebracht werden. Die Kleinbauern brauchen zum Beispiel Kredite, um die Chance, die höhere Preise bieten, zu nutzen. Und es muss mehr Geld in die ländliche Entwicklung fließen. Dieser Bereich war stark vernachlässigt worden, weil sich Geberländer und Empfänger darauf konzentrierten, die Industrie zu entwickeln und die Exportgüter-Produktion zu stärken.

Wie drückt sich das in Zahlen aus?Der Anteil der Hilfe für den ländlichen Raum ist in den letzten 20 Jahren um rund 75 Prozent reduziert worden. Die Zahl der Entwicklungsländer, die von Nahrungsmittelimporten abhängig wurden, stieg zugleich massiv an. Man hat unterschätzt, dass die Landwirtschaft auch eine soziale Funktion hat: Dreiviertel der Armen leben auf dem Land. Und um die Weltbevölkerung ernähren zu können, müssen wir die Nahrungsmittelproduktion in den nächsten 20 Jahren um 50 Prozent steigern. Das geht nur, wenn wir das Potenzial der Kleinbauern nutzen.

Es gab Ansätze für einen Kurswechsel - vor dem Ausbruch der globalen Finanzkrise. Sind die gefährdet?Die Agrarpreiskrise ist bereits in den Hintergrund gedrängt worden, durch die Finanzkrise könnte sie in Vergessenheit geraten. Es droht eine Entwicklung wie zu Beginn der neunziger Jahre. Industriestaaten hatten damals wegen lokaler Finanzkrisen ihre Entwicklungshilfebudgets immens gekürzt, Finnland zum Beispiel um über 60 Prozent.

Wirkt sich die Finanzkrise schon auf das Welternährungsprogramm aus?Trotz der Verdopplung unseres Budgets fehlten uns Ende 2008 eine halbe Milliarde Dollar, um auch nur die Bedürftigsten zu unterstützen. Zudem fragen neue Länder um Hilfe. Zum Beispiel bat Kirgistan um Nahrungsmittelhilfe für 600 000 Menschen. Als Folge der Finanzkrise gehen dort die Überweisungen der kirgisischen Gastarbeiter im Ausland zurück, die 20 Prozent zum Sozialprodukt beitragen.

Hilfsorganisationen finanzieren ihre Arbeit zunehmend aus den Budgets von EU, Uno oder Regierungen. Ist deren Arbeit gefährdet?Für viele Hilfsorganisationen werden sich 2009 noch keine gravierenden Folgen zeigen, die Budgets wurden im Jahr davor beschlossen. Aber natürlich wird eine Debatte beginnen, ob wir uns angesichts der eigenen Probleme noch viel Entwicklungshilfe leisten können.

Die Staaten haben sich aber verpflichtet, ihre Entwicklungshilfe bis 2015 auf 0,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts zu erhöhen.Das stimmt, aber es wird befürchtet, dass die Volkswirtschaften der Industriestaaten in diesem Jahr deutlich schrumpfen und das Bruttosozialprodukt sinkt. Dann kann sich der Anteil der Entwicklungshilfe am Sozialprodukt prozentual sogar erhöhen - und es wird unterm Strich doch weniger Geld sein.

Ist das Millenniumsziel, den Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung zu halbieren, noch realistisch?Laut Berechnungen der Weltbank bedeutet jeder Rückgang des Wirtschaftswachstums um ein Prozent in den Entwicklungsländern weitere 20 Millionen Menschen, die unter die Armutsgrenze rutschen. Das Millenniumsziel ist akut gefährdet.

Das Gespräch führte Martina Doering.