Süddeutsche Zeitung - Bildungsoffensive in Uganda

Veröffentlicht am 19 Mai 2011
Pauken ist doof? Was wissen wir denn schon! Paul Acak ist 72 Jahre alt und geht in die Grundschule. Nach einem Leben harter Arbeit auf den Feldern Ugandas wollte er endlich lesen und schreiben lernen. // Arne Perras, Süddeutsche Zeitung, 12. Mai 2011, Seite 3

Apac, Uganda – Was er einmal werden will, weiß der Schüler Paul Acak noch nicht. Er schwankt in dieser Frage von Woche zu Woche. Vor ein paar Tagen hat er erzählt, dass Schreiner eine schöne Sache sei. Doch als er am Abend nach dem Unterricht vor seiner strohgedeckten Lehmhütte sitzt, schwärmt er von der Universität. Vielleicht studiert er Jura. Oder Agrarwissenschaft. Aber eigentlich ist es noch zu früh, das zu sagen. Er besucht ja erst die Grundschule.

Wenn Paul Acak von Zukunftsträumen spricht, weiß man nicht, wie ernst er es damit meint. Acak besucht die sechste Grundschulklasse in einem abgelegenen Dorf im Norden Ugandas. Seine Mitschüler sind 11 Jahre alt. Paul Acak ist 72.


Gut möglich, dass der Mann der älteste Grundschüler der Welt ist. Vor einigen Jahren lebte jenseits der Grenze ein Kenianer namens Kimani Maruge, der war weit über achtzig, als er zur Schule ging. Er starb, bevor er seinen Abschluss machen konnte. Der Ugander Acak ist noch flink zu Fuß, er läuft jeden Tag mit Plastiksandalen zur Schule, vier Kilometer hin und vier wieder zurück.

Das Leben des Paul Acak erzählt von einer langen Sehnsucht, wie sie nur die Armut hervorbringen kann. Der Mann hat ein Leben lang auf dem Acker geschuftet, Jahr für Jahr hat er Maniok, Hirse und Baumwolle gepflanzt, um seine Familie durchzubringen. Er hat Finger voller Schwielen und Fußsohlen hart wie Krokodilhaut. Der Rücken ist krumm, Furchen durchziehen sein Gesicht. Aber nach all den Jahren auf dem Feld will Paul Acak nicht ruhen. Er will es wissen.

Er könnte auch vor seiner Hütte sitzen und seinen Urenkeln zusehen, wie sie die grunzenden Ferkel über den Platz treiben. Die Arbeit auf dem Feld machen inzwischen seine Söhne, Töchter und Enkelkinder. Aber konnte es sein, dass Gott ihn von dieser Erde nehmen würde, ohne dass er jemals auf einer Schulbank gesessen hat? Sollte die Welt des Wissens für ihn verschlossen bleiben? Sollte er sterben, ohne je mit eigener Hand einen Brief verfasst zu haben? Oft, wenn er den Blick über die Felder streichen ließ, plagten ihn die Gedanken. Und so fasste er, im Alter von 69 Jahren, einen Entschluss: Der Bauer Acak würde zur Schule gehen.

Sollten ihn die anderen ruhig belächeln und verhöhnen: Er würde jeden Morgen, eine Stunde nach dem Hahnenschrei, die Schultasche packen und losmarschieren, den Pfad entlang, der sich durch die Maniok-Felder bis zur Abutaber PrimarySchool im Ort Apac schlängelt.


So nahm die wundersame Geschichte des Zöglings Acak ihren Lauf. Als er das erste Mal zur Schule kam, um sich einzuschreiben, dachten alle, dass der alte Mann seine Urenkel zum Unterricht begleiten wolle. Aber da war er nun und wollte bleiben. Lehrerin Evelyn Angom erinnert sich an jenen Morgen im Februar 2008. „Sind Sie einer von uns, mein Herr?“, fragte sie ungläubig. „Ja, ich bin der Schüler Paul Acak.“

Die Lehrer machten mit ihm einen Test, danach entschieden sie, dass er die ersten beiden Klassen überspringen sollte. Weil Paul Acak ein schmächtiger Mann ist, passte er gut in die Schuluniformen seiner Klassenkameraden. Sie tragen grüne Hemden und Blusen, dazu blaue Shorts und Röcke. Als Einziger in der Klasse bekam Acak eine lange Hose. Shorts wären für den alten Mann dann doch zu viel gewesen.

Inzwischen ist Acak in die sechste Klasse Grundschule vorgerückt. Uganda hat das britische Bildungssystem aus kolonialen Zeiten geerbt. Doch weil das ostafrikanische Land nur mühsam die Armut überwindet, müssen die Menschen hart darum kämpfen, lesen, schreiben und rechnen zu lernen. Viele geben es auf. Aber Acak gab sich nie geschlagen, auch wenn es ein ganzes Leben gedauert hat, um einen Platz auf der Schulbank zu finden.

Die Abutaber Primary School umfasst drei lange schmale Häuser aus unverputzten Ziegeln, mit Wellblechdächern oben drauf. Auf dem staubigen Schulvorplatz mit der Glocke ragt ein langer Fahnenmast in die Höhe, oben flattert die Flagge Ugandas im Wind. Daneben spendet ein alter Baum mit ausladenden Ästen Schatten. Die Klassenzimmer sind alle offen, für Türen fehlt Geld, auch Fenster gibt es nicht. Durch schmale Schlitze unter dem heißen Blechdach fällt Licht in den Raum, die Luft ist stickig, und viele der Schüler sind barfuß. In sechs der zehn Klassenzimmer hat das Geld für ein Fundament nicht gereicht, die Kinder sitzen mit den Füßen im Staub, was sie nicht sollten, denn dort verbergen sich Larven kleiner Würmer, die sich gerne in die Fußsohlen bohren und dort weiter wachsen, bis man sie mit der Rasierklinge wieder rauspult.

Schuldirektor Peter Elim ist vierzig Jahre alt und sitzt in einem kleinen Zimmer vor dem Lagerraum, in dem sich stapelweise vergilbte Schulbücher türmen. Sie sind alle viel zu alt. „Andere haben wir nicht“, sagt Herr Elim. Mindestens fünf Schüler müssen sich ein Buch teilen. Auf Elims Schreibtisch liegt Kreide und eine Bibel. Der Direktor hat 13 Lehrer und 841 Schüler in seiner Schule, er sagt, dass neue Klassenräume geplant seien, aber auch dafür fehle Geld. Jedes Trimester warten sie auf die Zuwendungen des Staates, oft kommt das Geld verspätet, oder die Summe ist weit geringer als erwartet. Aber was immer hier draußen auch ankommt – sie müssen klarkommen. „Manchmal streichen wir den Schulausflug oder fahren nicht zum Chorfestival“, sagt der Direktor.

In der Statistik des Bildungsministeriums sieht das dann so aus: Für jedes ugandische Kind in der Grundschule gibt es jährlich vom Staat zwei Euro. Dafür müssen die Eltern keine Gebühren zahlen. Das ist einerseits ein großer Schritt nach vorn, aber es bleibt noch viel zu tun. Es geht dabei nicht alleine um das Budget, sondern auch um die Art und Weise, wie in den Schulen gelehrt wird. Oft kann man beobachten, dass die Schüler nur vorgekaute Fakten nachbeten. Lehrer Bonny Olwa unterrichtet an diesem Nachmittag Erdkunde in der 6. Klasse. 75 Schüler stehen auf seiner Liste, neun von ihnen sind an diesem Tag nicht da. Einer hat noch niemals gefehlt: Das ist Paul Acak, der vorne in der zweiten Reihe sitzt und akribisch in sein Notizbuch schreibt. Thema der Stunde: Afrikanische Seen und das Wetter. Lehrer Olwa steht an der Tafel und spult routiniert seine Fragen herunter, die Kinder antworten im lauten Chor. „Wie heißt unser größter See?“ – „Lake Victoriaaaaa.“

Sie haben alles schön auswendig gelernt. Dann schreiben sie die Antworten noch mal ins Heft. Von eigenständiger Arbeit ist wenig zu spüren, dennoch schaffen einige wenige auch von hier aus den Sprung in eine Karriere. Sie werden Ärzte, Anwälte, Ökonomen. „Aber das ist sehr hart“, sagt Direktor Elim.


Als Acak so jung war wie seine Mitschüler, mussten die Eltern noch bezahlen für die Schule. Vater und Mutter starben schon früh, sodass der Junge von seinem Onkel großgezogen wurde. Auf die Schule schicken konnte er den Ziehsohn keinesfalls, das Geld reichte hinten und vorne nicht. Man pflanzte. Gab es genug Regen, erntete man und hatte zu essen. War es zu trocken oder zu nass, mussten alle hungern. Selbst, wenn sie einmal etwas auf dem Markt verkaufen konnten, brachte das nicht viel Bargeld ein. Bis heute hat sich daran nicht viel geändert – abgesehen davon, dass die Eltern heute keine Gebühren mehr für die Grundschule bezahlen und deshalb mehr Kinder den Unterricht besuchen.

Acak konnte froh sein, dass er ein paar Schwestern hatte. Als die erste heiratete, bekam Paul das Brautgeld und konnte damit selbst ein Mädchen zur Frau nehmen. Als auch die zweite Schwester vergeben war, konnte der Bruder noch eine zweite Frau heiraten. Die Familie Acak wuchs rasch. „Gott hat uns mit 17 Kindern gesegnet“, sagt der alte Mann. Aber keiner seiner Nachkommen konnte zur Schule gehen, weil die Familie kein Geld verdiente. „Meine Kinder wollten auch gar nicht“, erinnert er sich. „Sie wollten auf dem Feld arbeiten, damit Essen da war.“

Nur einer wollte immer in die Schule – und konnte nicht. So gingen die Jahre dahin. Einmal war Acak so krank, dass sie um sein Leben fürchteten, er musste dringend in die Klinik. Er konnte nicht mehr laufen, also trug ihn der Bruder kilometerweit, bis sie schließlich das Hospital erreichten. Um die Rechnung zu bezahlen, verkaufte er sein Fahrrad.

Die Kinder waren nun erwachsen und gründeten eigene Familien. Acak war stolz auf die Schar, aber etwas fehlte. Besonders schmerzte es ihn, wenn er andere Männer auf der Straße Englisch sprechen hörte. Es waren Händler oder Leute in Anzug und Krawatte aus der fernen Stadt. Er verstand kein Wort, aber er wusste, dass das die Sprache war, die man beherrschen musste, um das Leben als Bauer hinter sich zu lassen. Mit ihr würde man Geld verdienen können, sie öffnete die Tür in eine andere Welt, in der man kein Fahrrad verkaufen musste, um die Klinik zu bezahlen.

So dachte Paul Acak. Aber es war nicht nur das Geld, das ihn beschäftigte, er wollte endlich lesen, Bücher über andere Welten studieren. Er hat eine große Vorliebe für die Naturwissenschaften, sagen seine Lehrer. Und auch ein Talent für Mathematik. Im Schreiben aber könnte er noch etwas zulegen, das geht etwas zäh voran. „Dieser alte Mann ist ein großer Ansporn für die Jungen und Mädchen“, glaubt Lehrerin Evelyn Angom. Anfangs sei er sehr scheu gewesen und habe sich gar ein wenig vor der Klasse gefürchtet. Aber alle haben sich an ihn gewöhnt, und nun ist er es, der allen erklärt, warum die
Schule so wichtig ist.

Die Kinder von Abutaber haben oft schwere Tage zu überstehen. Manche Jungen und Mädchen müssen morgens um fünf Uhr raus aufs Feld, um beim Umgraben zu helfen. Wenn die Schulglocke läutet und der Unterricht um acht Uhr beginnt, haben sie schon geschwitzt und sind kilometerweit gelaufen. Dann haben sie den ganzen Tag Unterricht – und häufig nichts zu essen. Eine Kantine gibt es nicht, wenn die Kinder Glück haben, bekommen sie einen Bissen von der Mutter mit, aber meistens sind die Taschen leer. Vorne an der staubigen Straße sitzt eine Frau unter dem Mangobaum, sie schürt Feuer unter einem großen schwarzen Topf. Darin kocht sie Maniok, für 100 Schilling die Portion. Das können sich die Kinder in der Mittagspause kaufen. Drei Cent brauchen sie dafür. Aber die wenigsten haben so
viel bei sich. Also müssen sie hungern, bis es Abend wird. Dann bekommen sie zu Hause zu essen – wenn die Ernte gut war.

Auch Paul Acak kommt am späten Nachmittag hungrig zurück. An diesem verregneten Donnerstag erwartet ihn seine zweite Frau vor der Lehmhütte, neben den Papaya-Bäumen. Im Arm trägt sie einen Urenkel, der Säugling ist fünf Monate alt. Wie groß die Familie Acak nun schon geworden ist, hat Urgroßvater Paul noch gar nicht ausgerechnet. „Es sind einige“, sagt er und sinkt müde auf einen Hocker im Schatten der Bäume. Und was hält Jocinta Acak davon, dass ihr Mann im hohen Alter noch täglich in die Schule marschiert? „Ich bin glücklich damit“, sagt die 71-Jährige und kichert. „Solange er abends brav nach Hause kommt.“

Viele geben irgendwann auf. Aber Paul hat sein Leben lang um diesen Platz gekämpft. Englisch? Das sprachen die feinen Leute in den Anzügen. Das wollte Paul auch lernen.