Von Hilfe zu Eigenständigkeit: Neue Perspektiven für Geflüchtete im Tschad
Es ist ein heißer Morgen im Geflüchtetencamp Metche im Osten des Tschad. Selbst im provisorischen Unterstand, in dem Faical gemeinsam mit anderen sudanesischen Geflüchteten auf die Ausgabe der Lebensmittelhilfe von WFP wartet, ist die Hitze kaum auszuhalten. Helle Sonnenstreifen fallen durch die geflochtenen Bambuswände auf den trockenen Lehmboden.
„Diese Unterstützung hat unsere Lebensbedingungen deutlich verbessert“, sagt Faical mit ernstem Blick hinter seiner Drahtbrille. „Aber was mir jetzt wichtig ist: für dieses Land zu arbeiten. Dem Tschad zu dienen.“
Nur wenige Dutzend Kilometer weiter nördlich tun genau das 375 Geflüchtete und tschadische Familien gemeinsam – im von WFP unterstützten Marktgarten Loumba‑Massalit. Der Standort, nur wenige Stunden von der sudanesischen Grenze entfernt, wirkt wie eine andere Welt im Vergleich zur sandfarbenen Landschaft von Metche. Frauen tragen einen langen Bewässerungsschlauch durch üppig grüne Beete, beschattet von Reihen großer, breitblättriger Bäume.
„Dieses Projekt hat uns eine große Chance gegeben“, sagt Mahassine, Teilnehmerin des Projektes, strahlend. „Früher habe ich vergeblich Arbeit gesucht. Jetzt arbeite ich den ganzen Tag und verdiene am Ende des Monats Geld.“
„Früher habe ich vergeblich Arbeit gesucht. Jetzt arbeite ich den ganzen Tag und verdiene am Ende des Monats Geld.“ – Die sudanesische Geflüchtete Mahassine über ein vom WFP unterstütztes Landwirtschaftsprojekt
Faical und Mahassine gehören zu den 1,5 Millionen Schutzsuchenden, die der Tschad aufnimmt – eines der größten Aufnahmeländer für Geflüchtete in Afrika. Der Großteil von ihnen stammt aus dem Sudan, darunter rund 900.000 Menschen, die wie Faical seit Beginn des Bürgerkriegs im Jahr 2023 geflohen sind. Mahassine kam bereits 2004, als ein weiterer brutaler Konflikt die westsudanesische Region Darfur erschütterte.
Während Faical zu den mehr als einer Million Menschen im Osten des Tschad gehört, die Nahrungsmittel‑ und Bargeldhilfe von WFP erhalten, sieht die Unterstützung für Mahassine und ihre landwirtschaftliche Gruppe anders aus. Sie zielt darauf ab, Grundlagen für eigenständige Existenzsicherung zu schaffen – etwa durch den Bau von Wasserinfrastruktur und den Anbau von Nahrungsmitteln.
„WFP unterstützt einen grundlegenden Wandel im Tschad: weg von reiner Nothilfe hin zu nachhaltiger Entwicklung“, sagt Sarah Gordon‑Gibson, Landesdirektorin von WFP im Tschad. „Dieser Übergang ist entscheidend für langfristige Ernährungssicherheit. Er ist strategisch sinnvoll und kosteneffizient: Er reduziert den Bedarf an humanitärer Hilfe, stärkt lokale Wirtschaftsstrukturen und fördert Selbstständigkeit.“
Dieser Kurswechsel spiegelt den umfassenderen nationalen Plan für die Entwicklung des Tschad wider, der unter anderem darauf abzielt, das agro-pastorale Potenzial des zentralafrikanischen Landes mit seinem reichen Untergrund und 39 Millionen Hektar Ackerland zu erschließen. Gleichzeitig ist er ein wichtiger langfristiger Ansatz gegen weitverbreiteten Hunger in einem Land, in dem jeder sechste Mensch von Hunger in einer Krisen‑ oder Notsituation betroffen ist. Ursachen dafür sind unter anderem Vertreibung, mangelnde Entwicklung und immer wiederkehrende Wetterextreme wie Dürren und Überschwemmungen.
Von Unterstützung zu Resilienz
Der Regierungsansatz Haguina – ein Ausdruck aus dem tschadischen Arabisch, der „Es gehört uns“ bedeutet – bündelt verschiedene Projekte mit einem gemeinsamen Ziel: Selbstständigkeit. Im Fokus stehen bessere Marktanbindungen, langlebige Infrastruktur und eine höhere landwirtschaftliche Produktivität, unter anderem auf Land, das Familien zur Verfügung gestellt wird. Innerhalb von fünf Jahren sollen so eine Million Menschen – sowohl Geflüchtete als auch Tschadierinnen und Tschadier – unterstützt werden.
WFP arbeitet gemeinsam mit Partnern, darunter andere UN‑Organisationen, landesweit an der Umsetzung vieler dieser staatlich geführten Projekte. Ein Schwerpunkt liegt darauf, Land nutzbar zu machen sowie Infrastruktur zu sanieren oder neu zu bauen. Zum Einsatz kommt dabei eine Kombination aus Programmen, die teilnehmende Gemeinschaften mit Lebensmitteln unterstützen, und dem direkten Einsatz technischer Expertise von WFP.
„WFP trägt dazu bei, einen grundlegenden Wandel im Tschad voranzutreiben: von Nahrungsmittelhilfe hin zu nachhaltiger Entwicklung.“ – Sarah Gordon-Gibson, WFP-Länderdirektorin im Tschad
„WFP steht fest an der Seite der Regierung des Tschad bei der Umsetzung von Haguina und würdigt ihre Führungsrolle in dieser Initiative“, so Gordon‑Gibson. „Wir sind überzeugt: Das ist der richtige Weg für den Tschad – weg von kurzfristiger humanitärer Hilfe hin zu dauerhaften Lösungen, die Resilienz stärken und Entwicklung ermöglichen.“
Der Übergang zu mehr Eigenständigkeit ist heute umso wichtiger, da die humanitäre Finanzierung weltweit unter Druck steht und klassische Lebensmittelhilfe zunehmend an Grenzen stößt. Für viele besonders gefährdete Menschen reicht diese Hilfe allein nicht mehr aus.
„Früher haben wir jeden Monat Lebensmittel bekommen: Hirse, Salz, Öl und anderes. Heute wurde das alles durch Bargeld ersetzt“, erklärt Faical. „Wir wünschen uns höhere Beträge, um mit den steigenden Lebenshaltungskosten besser zurechtzukommen.“
Auch deshalb möchte er in einem Projekt wie dem von Mahassine arbeiten – um sich im Tschad eine eigene Zukunft aufzubauen. In den Sudan zurückzukehren, komme für ihn erst infrage, wenn sich die Lage dort deutlich verbessert habe.
Allein im Projektgebiet Loumba‑Massalit konnten Teilnehmende dank der Unterstützung von WFP im Rahmen von Haguina 19 Hektar Marktgärten anlegen – das entspricht etwa 27 Fußballfeldern. Zudem wurden 13.000 Setzlinge gepflanzt und auf 30 Hektar halbmondförmige Wasserrückhalteflächen geschaffen, die wertvolles Regenwasser auffangen.
Die Ernten von Mahassines Gruppe – von Tomaten und Okra über Knoblauch und Rucola bis hin zu Roter Bete und Kartoffeln – haben sich zu einem echten Geschäft entwickelt. Die Einnahmen reichen aus, um die Bedürfnisse ihrer Familie zu decken, darunter auch Schulmaterialien für ihre Kinder.
Mahassine hofft, dass das Projekt ausgeweitet wird – und dass ihre Gruppe auch nach dessen Ende weiterbestehen kann. Sie möchte in Vieh investieren, um zusätzliche Einnahmen zu erzielen und ihren Kindern noch bessere Chancen zu ermöglichen.
„Vor allem für ihre Bildung“, sagt sie. „Damit sie später einmal für mich sorgen können, wenn ich alt bin.“