Libanon: Fast ein Viertel der Bevölkerung leidet aufgrund des Nahost-Konfliktes unter akutem Hunger
Beirut, Libanon – Eine deutliche Eskalation der Gewalt hat die jüngsten Fortschritte bei der Ernährungssicherheit im Libanon zunichtegemacht und das Land erneut in eine Krise gestürzt. Das geht aus der neuesten vorausschauenden Analyse der Integrierten Klassifikation der Ernährungssicherheitsphasen (IPC) hervor, die vom libanesischen Landwirtschaftsministerium in Zusammenarbeit mit der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und dem UN-Welternährungsprogramm (WFP) veröffentlicht wurde.
Die Analyse zeigt, dass zwischen April und August 2026 voraussichtlich 1,24 Millionen Menschen – nahezu jede vierte der analysierten Personen – von Hunger auf dem Niveau einer Krise (IPC-Phase 3) oder schlimmer betroffen sein werden. Dies stellt eine deutliche Verschlechterung gegenüber dem Zeitraum von November 2025 bis März 2026 dar, als schätzungsweise 874.000 Menschen – rund 17 Prozent der Bevölkerung – unter akuter Ernährungsunsicherheit litten. Ursache für diese Entwicklung sind der anhaltende Konflikt, Vertreibung und wirtschaftlicher Druck.
„Die Fragilität, vor der wir bereits in der vorherigen IPC-Analyse gewarnt haben, hat sich leider bestätigt“, sagte Allison Oman Lawi, Vertreterin und Landesdirektorin von WFP im Libanon. „Mühsam erzielte Fortschritte wurden rasch zunichtegemacht. Familien, die sich gerade noch über Wasser halten konnten, werden nun wieder in die Krise gedrängt, da Konflikt, Vertreibung und steigende Kosten zusammentreffen und Lebensmittel zunehmend unerschwinglich werden.“
„Dies bestätigt die anhaltende und sich vertiefende Fragilität der ländlichen Räume und der Agrar- und Ernährungssysteme. Mehrere sich überlagernde Schocks untergraben landwirtschaftliche Lebensgrundlagen und beeinträchtigen die Ernährungssicherheit. Das verdeutlicht den dringenden Bedarf an landwirtschaftlicher Nothilfe, um Bäuerinnen und Bauern zu unterstützen und eine weitere Verschlechterung zu verhindern“, sagte Nora Ourabah Haddad, FAO-Vertreterin im Libanon.
„Diese Ergebnisse unterstreichen den Ernst der aktuellen Lage im Libanon, wo sich Konflikt und wirtschaftlicher Druck überschneiden und die nationale Ernährungssicherheit an einen kritischen Wendepunkt bringen. Wir bekräftigen unser Engagement für einen nachhaltigen, wissenschaftlich fundierten Ansatz, der über die reine Beobachtung von Krisen hinausgeht und diese durch kontinuierliche politische Maßnahmen und Programme adressiert, um die Widerstandsfähigkeit des Agrarsektors zu stärken und die Lebensgrundlagen der Landwirte zu schützen.
Wir betonen außerdem die Notwendigkeit, von einer passiven Neutralität in der Krisenbewältigung zu einer verantwortungsvollen Neutralität mit einem proaktiveren und strategischeren Ansatz überzugehen. In diesem Zusammenhang sehen wir die Medien – gemeinsam mit internationalen Partnern – als eine tragende Säule, um die Realität zu vermitteln, das Bewusstsein zu schärfen, die Hilfsmaßnahmen zu unterstützen und eine nachhaltige Erholung zu fördern.
Die Sicherung der Ernährungssicherheit im Libanon ist eine gemeinsame nationale und internationale Verantwortung. Investitionen in die Landwirtschaft bleiben entscheidend, um Stabilität zu gewährleisten und die Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaften gegenüber wiederkehrenden Krisen zu stärken“, sagte der libanesische Landwirtschaftsminister Dr. Nizar Hani.
Die Ergebnisse bestätigen, dass die Ernährungssicherheit im Libanon weiterhin äußerst anfällig für externe Schocks ist. Ohne verlässliche humanitäre Unterstützung, verbesserten Zugang und eine Stabilisierung der Sicherheits- und Wirtschaftslage dürfte sich die Ernährungsunsicherheit in den kommenden Monaten weiter verschärfen.
Die Verschlechterung wird durch das Zusammenwirken mehrerer Schocks im Zusammenhang mit der anhaltenden Eskalation des Konflikts verursacht. Unsicherheit und Vertreibung unterbrechen Einkommens- und Erwerbsmöglichkeiten, während der Marktzugang in konfliktbetroffenen Gebieten weiterhin eingeschränkt ist und Lieferketten unter Druck stehen. Gleichzeitig schmälern steigende Inflation und Lebensmittelpreise die Kaufkraft der Haushalte, während geringere humanitäre Unterstützung und Finanzierungslücken die Bewältigungsmöglichkeiten vieler Familien weiter einschränken.
Die Landwirtschaft – eine zentrale Quelle für Nahrung und Einkommen – ist stark betroffen und hat sich von dem Konflikt im Jahr 2024 bislang nicht erholt. Schäden an landwirtschaftlichen Flächen, weitreichende Vertreibung von landwirtschaftlichen Haushalten, eingeschränkter Zugang zu Anbauflächen, steigende Produktionskosten und anhaltende Unsicherheit begrenzen die Erzeugung. Lokale Marktstörungen erschweren zusätzlich die Tätigkeit der Landwirte. Die Risiken nehmen zu, da sich das Zeitfenster für die Frühjahrsaussaat schließt. Ohne dringende Unterstützung werden verpasste Anbausaisons zu Ertragsausfällen führen, die Ernährungsunsicherheit weiter verschärfen und den humanitären Bedarf in den kommenden Monaten erhöhen. Auch die Vieh- und Geflügelsysteme stehen aufgrund eingeschränkten Zugangs und unterbrochener Dienste unter erheblichem Druck.
Geografisch zeigt sich die stärkste Verschlechterung in konfliktbetroffenen Gebieten, insbesondere in den Distrikten Bent Jbeil, Marjeyoun, Sour und Nabatiyeh, wo Vertreibung und Marktstörungen am ausgeprägtesten sind, gefolgt von Baalbeck-El Hermel.
Zusätzlich verschärfen regionale Entwicklungen die Krise. Störungen von Handelsrouten, steigende Kraftstoff- und Transportkosten sowie höhere Lebensmittelpreise infolge des regionalen Konflikts setzen Märkte und Haushaltsbudgets weiter unter Druck.
Die Krise betrifft alle Bevölkerungsgruppen. Unter libanesischen Haushalten werden voraussichtlich 725.000 Menschen (19 Prozent) von akuter Ernährungsunsicherheit auf dem Niveau einer Krise (IPC-Phase 3) oder schlimmer betroffen sein. Besonders gravierend bleibt die Lage für vertriebene und vulnerable Bevölkerungsgruppen: 362.000 syrische Flüchtlinge (36 Prozent) und 104.000 palästinensische Flüchtlinge (45 Prozent) sind als in einer Krise oder schlimmer eingestuft. Neu aus Syrien Zugezogene seit 2024 gehören zu den am stärksten betroffenen Gruppen: Rund 50.000 Menschen (52 Prozent) werden voraussichtlich unter akuter Ernährungsunsicherheit leiden.
Bei diesen Werten sind Haushalte nicht mehr in der Lage, ihren grundlegenden Nahrungsmittelbedarf dauerhaft zu decken. Sie sind zunehmend gezwungen, Menge und Qualität der Nahrung zu reduzieren, Mahlzeiten auszulassen oder auf schädliche Bewältigungsstrategien zurückzugreifen – etwa durch Verschuldung oder den Verkauf lebensnotwendiger Güter.
Da die Analyse die Bedingungen unmittelbar nach der aktuellen Eskalation widerspiegelt, könnten die vollständigen Auswirkungen der Konfliktverschärfung und eines möglichen regionalen Krieges in den verfügbaren Daten noch nicht vollständig abgebildet sein. Die tatsächliche Lage könnte sich weiter verschlechtern, sollten diese Belastungen anhalten oder sich verstärken.
Eine anhaltende und rechtzeitige humanitäre Unterstützung sowie Hilfe zur Sicherung von Lebensgrundlagen sind entscheidend, um die verletzlichsten Bevölkerungsgruppen zu schützen, Existenzgrundlagen zu sichern und eine weitere Verschärfung der Ernährungskrise zu verhindern.
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Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) ist die größte humanitäre Organisation der Welt im Kampf gegen den Hunger. Wir retten Leben in Notfällen und ebnen mit Ernährungshilfe den Weg zu Frieden, Stabilität und Wohlstand für Menschen, die von Konflikten, Katastrophen und den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind.
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