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"Überall fielen die Bomben"

Während der Krieg im Sudan ins vierte Jahr geht, fliehen Tausende Menschen vor der Gewalt ins Nachbarland Tschad. In den Flüchtlingscamps entlang der sudanesisch-tschadischen Grenze erzählen Maka, Oumais und Tadja von ihrer gefährlichen Reise aus den Darfurs und der Ernährungshilfe, die Ihnen das Leben rettete. Wie lebt man weiter, nach dem Überleben?
, Sylvain Barral und Lena von Zabern
sudanese refugees in chad
Geflüchtete Frauen im ost-tschadischen Koulbous, nahe der sudanesischen Grenze zu West-Darfur, warten auf ihre WFP-Notnahrungsration. Foto: WFP/Lena von Zabern 
90 Kilometer von der sudanesischen Grenze, März 2025: Koursigue und Mile Flüchtlingscamp, Provinz Wadi Fira

Es ist ein Nachmittag im März 2025. Bald wird die Sonne untergehen, doch noch ist die Hitze im Flüchtlingscamp Koursigue unerträglich. Maka erreichte das Camp ganz allein. Die 25-Jährige kam vor ein paar Wochen über die staubigen Routen aus Nord-Darfur, auf der Flucht vor den andauernden Kämpfen im Sudan. Jetzt steht sie hier zwischen den weißen Säcken mit Hirse. Ihr hellblauer Schal flattert im Wind.

Hinter hier hört man das geschäftige Treiben der heutigen Nahrungsmittelverteilung: Aufgeschnittene Säcke voller Hülsenfrüchte, neu aufgefülltes Speiseöl und das Murmeln und Flüstern der Frauen, die im Schatten der Akazienbäume darauf warten, an die Reihe zu kommen. Makas Tasche ist prallgefüllt. Heute Abend wird sie La Boule zubereiten, einen dickflüssigen Getreidebrei aus wenigen Zutaten, der im harschen Klima der Sahelländer weit verbreitet ist.  

Jeden Monat erhalten neu angekommene Flüchtlinge in Korsigue eine Notration für 30 Tage. In den östlichen Provinzen des Tschads entlang der sudanesischen Grenze sind die Hungerzahlen besonders hoch. Jeder sechste – rund drei Millionen Menschen – ist von Hunger bedroht. Mit insgesamt 1,5 Millionen Menschen beherbergt der Tschad eine der am schnellsten wachsende Flüchtlingsbevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent. Das liegt vor allem am Krieg im Nachbarland Sudan.

Maka rückt ihr Kopftuch zurecht, ihre Hände sind von Schwielen bedeckt, ihr Blick ist ernst. Wenn sie spricht, ist ihre Stimme leise: “Als ich ankam, war ich in keiner guten Verfassung. Ich kam mit nichts. Ich hatte keinen Schlafplatz, kein Wasser.” Sie floh aus Kabkabiya, eine Stadt im sudanesischen Nord-Darfur, westlich von El Fasher. Im Dezember 2024 trafen Luftangriffe den Markt in Makas Heimatstadt. Dutzende Menschen wurden getötet. Viele Flüchtlinge hier bei der Erstversorgung in Korsigue und in den umliegenden Camps teilen Makas Geschichte. Abdoul und Leila flohen Anfang Januar 2025 mit ihren vier Kindern aus El Fasher in den Tschad. 

“Die Kämpfe im Sudan waren schrecklich. Ich habe viele Menschen sterben sehen” - Abdoul (36)

“Die Kämpfe im Sudan waren schrecklich. Ich habe viele Menschen sterben sehen”, erzählt der 36-Jährige Abdoul. Durch den Krieg verlor Abdoul seinen Job und machte sich schließlich auf den beschwerlichen Weg über die Grenze. “Auf dem Weg in den Tschad haben meine Familie und ich kaum etwas zu Essen gefunden.” Jetzt hoffen Sie auf Unterstützung.  

Im nahegelegen Flüchtlingscamp Mile hilft WFP Geflüchteten nach der Erstversorgung mit Bargeld. Zehntausende Flüchtlinge erhalten hier aktuell noch umgerechnet etwa 100 US-Dollar im Monat. Mit dem Geld können sie auf dem lokalen Markt, die Nahrungsmittel einkaufen, die sie benötigen. Das stärkt auch die tschadische Wirtschaft, in einer Region, die von Armut, Klimaextremen und Hunger gezeichnet ist.

Auf dem sogenannten Human Development Index, mit dem die Vereinten Nationen den Wohlstand eines Landes erfassen, liegt der Tschad auf Platz 190 von 193 Ländern. Dass das zentralafrikanische Land dennoch eine so große Zahl Geflüchteter aus dem Sudan willkommen heißt, ist bemerkenswert. Im Flüchtlingscamp Mile gibt es mehrere Schulen, wo geflüchtete Kinder WFP-Schulessen erhalten. In anderen Grenzregionen besuchen tschadische und sudanesische Kinder gemeinsam den Unterricht. Für Maka ist der Weg zurück in die Normalität noch weit entfernt, solange der Krieg in ihrem Heimatland tobt: 

“Mein einziger Wunsch für die Zukunft ist nicht mehr zu hungern. Ich hoffe einfach, dass ich hier weiterhin Nahrungsmittel bekommen kann.”  - Maka (25)

500 Meter von der sudanesischen Grenze, März 2025: Koulbous, Provinz Wadi Fira

Ein humanitärer Helfer in einer orangenen Weste ruft ihre Namen durch ein Megafon. Er wiederholt sie einige Mal und blickt suchend durch die Menge. Die Frauen und Männer warten unter einem der wenigen Bäume auf ihre WFP-Nahrungsmittelgutscheine. Jeder Name, der aufgerufen wird, ist ein Zeugnis des Kriegs, der nur 500 Meter entfernt auf der sudanesischen Seite der Grenze tobt.

Für jene, die hier im Flüchtlingscamp Koulbous im östlichen Tschad Zuflucht gefunden haben, entscheidet die heutige Nahrungsmittelverteilung darüber, ob sie die nächsten 15 Tage etwas zu Essen haben. Durch das Megafon klingen ihre Namen blechern und verzerrt. Wieder wird einer der Wartenden aufgerufen. Das Megafon knistert und ein Echo schwebt über dem Camp und verliert sich zwischen den Zelten. Als hätte jemand eine Rettungsleine ausgeworfen. Die Sträucher sind von der Hitze ausgetrocknet. Müll hat sich in den kargen Ästen verfangen. Sie wehen wie kleine Fahnen im heißen Wind.  

Oumalis
Die 21‑jährige Oumalis holt gemeinsam mit ihrem Sohn Mahamat Spezialnahrung gegen Mangelernährung ab. Foto: WFP/Lena von Zabern 

Oumalis ist im Oktober 2024 aus West-Darfur nach Koulbous gekommen. “Vor dem Krieg war ich Bäuerin”, erzählt die 21-Jährige, während sie ihren Gutschein gegen eine Nahrungsmittelration eintauscht. Wie viele andere, die hier nach Koulbous geflohen sind, ist sie fast vollständig auf humanitäre Hilfe angewiesen, um sich und ihren Sohn Mahamat zu ernähren. Viele der Frauen haben auf ihrer Flucht in den Tschad Tage ohne ausreichend Essen hinter sich. Mahamat ist sechs Monate halt. Neugierig beobachtet er das Maßband, mit dem eine der Helferinnen seinen Armumfang misst. Es ist eine der einfachsten und effektivsten Methoden, um festzustellen, ob ein Kind mangelernährt ist.

In den Flüchtlingscamps ist Mangelernährung weit verbreitet. Zwei Millionen Kinder im Tschad waren 2025 unterernährt - etwa eine halbe Million davon lebensbedrohlich. Diese Kinder sind zu klein für ihr Alter, ihre Entwicklung ist verzögert. Die Folgen tragen sie oft ein Leben lang. Für Mahamat ist heute alles im grünen Bereich. “Ich bin sehr erleichtert, dass ich mit dem Essen, das ich hier bekomme, meinen Sohn ernähren kann”, erklärt Oumalis. Sie bekommt hier zusätzlich Mais, der mit Nährstoffen angereichert ist. Die Spezialnahrung ist entscheidend dafür, dass sich Mahamat wie andere Kinder in seinem Alter gesund entwickeln kann.

2025 hat WFP über 400.000 Frauen und fast eine Million Kinder in der Grenzregion zum Sudan mit dieser Form der Hilfe erreicht. Oumalis hält die Packung Spezialnahrung fest im Arm. Instinktiv löst sich Mahamats kleine Hand von seiner Mutter und greift danach. 

500 Meter von der sudanesischen Grenze, März 2025: Adré, Provinz Ouaddaï  

Rund um die tschadische Grenzstadt Adré übersäen Tausende von Zelten die trockene Landschaft. Adré ist zum größten Transitort für Flüchtlinge im Tschad geworden. An diesem Tag werden Säcke und Kisten mit Reis, Sorghum, Öl und Salz vom Lastwagen geladen und übereinandergestapelt. Seit dem Morgengrauen reihen sie sich auf der ausgelegten Plane aneinander, bereit zur Verteilung. 

Tamba, die 35‑jährige Mutter aus Darfur kann sie an diesem heißen, trockenen Nachmittag schon von Weitem sehen. Zum ersten Mal seit Tagen lächelt sie. „Diese Lebensmittel nehmen mir einige meiner größten Sorgen als Mutter“, sagt sie. „Wir haben alles verloren, ich habe kein Einkommen. Für die nächsten Wochen haben meine Kinder und ich etwas zu essen.“ 

Grenzübertritt in den Sudan, März 2025: Transitzentrum Tiné, Provinz Wadi Fira
Grenzübergang Tine
Der Grenzübergang von Tiné zwischen dem Tschad und dem Sudan. Hinter der tschadischen Flagge beginnt Nord-Darfur. Foto: WFP/Lena von Zabern 

Ein kleiner Abhang führt hinunter ins ausgetrocknete Flussbett, vorbei am tschadischen Flaggenmast. Links liegt ein umgestürzter Baum, seine Wurzeln ragen in den Himmel. Es ist das Ende eines Landes und der Beginn eines anderen. Hier in Tiné, direkt an der Grenze zwischen dem Tschad und dem Sudan, überqueren Esel und Autos unentwegt das Wadi. Wadi – das ist Arabisch und bedeutet so viel wie Tal oder Schlucht. Es bezeichnet eines der vielen ausgetrockneten Flussbetten des Tschad.

Wenn in einigen Monaten die Regenzeit beginnt, verwandeln sich die sandigen Wadis binnen kürzester Zeit in reißende Flüsse und machen den Grenzübertritt unmöglich. Heute erinnern nur die Boote im Sand daran, dass hier einmal Wasser floss. Für WFP ist diese natürliche Grenze ein entscheidendes Nadelöhr, um dringend benötigte Nahrungsmittelhilfe vom Tschad nach Nord-Darfur zu bringen – in die Hände von Menschen, deren Leben am seidenen Faden hängt. 

Tadja und ihre Familie
Tadja, 70 (links), ihre Schwester Iseh (rechts) und ihre Töchter Yousra, 22, und Safah (innen links und rechts), sind nach einem sechstägigen Fußmarsch am Registrierungszentrum von Tiné angekommen. Ihre Heimatstadt Mellit in Nord-Darfur wurde bomabrdiert. Foto: WFP/Lena von Zabern 

Tadja und ihre Familie haben das Wadi heute Morgen überquert. Es ist der letzte Abschnitt einer sechstägigen Flucht zu Fuß. Die 70‑Jährige war gemeinsam mit ihrer Schwester Iseh, deren beiden Töchtern Safaa, 12, und Yousra, 22, sowie deren Brüdern unterwegs. Die Familie stammt aus Mellit, 60 Kilometer nördlich von El Fasher. Jetzt sitzen sie in einem Transitzentrum in der tschadischen Grenzstadt Tiné im Osten des Landes, umgeben von den wenigen Dingen, die sie mitnehmen konnten: etwas Essen, ein paar Kleidungsstücke; viel besitzen sie nicht. Im Sudan waren Tadja und ihre Schwester Bäuerinnen. Die Kinder gingen zur Schule. Dann brach der Krieg aus und die Familie wurde auseinandergerissen. Ihre Männer blieben zurück. Es gab zu wenig Geld und nicht genug Zeit, um alle rechtzeitig aus dem Land zu bringen. 

„Die Bombardierungen waren so heftig, dass wir nicht einmal mehr zum Markt gehen oder Wasser holen konnten“ - Tadja (70)

„Die Bombardierungen waren so heftig, dass wir nicht einmal mehr zum Markt gehen oder Wasser holen konnten“, erinnert sich Tadja. „Wir mussten, im Haus zu bleiben. Wenn man zum Markt ging, fielen überall Bomben.“ Der Weg aus Nord-Darfur in den Tschad ist extrem gefährlich, besonders für Frauen und Kinder. „Die bewaffneten Männer ließen niemanden durch. Weder Jungen noch Mädchen, nicht einmal alte Menschen“, berichtet Tadja. Man kann ihr die Erschöpfung ansehen. Ihre Nichten Safaa und Yousra sitzen still nebeneinander. Safaa ist in eine dicke schwarzen Jacke eingewickelt, Yousra hat sich einen Mantel über die Beine gelegt. Draußen sind es fast 40 Grad. „Wenn sie dich fanden“, fährt Tadja fort, „nahmen sie dir alles. Selbst wenn du auf die Felder gerannt bist, nahmen sie alles und ließen dich mit nichts zurück.“ 

Hier in Tiné, auf der anderen Seite der Grenze, erlebt die Familie zum ersten Mal seit Tagen ein Gefühl von Sicherheit. Bald werden sie vom Transitzentrum in eines der vielen Flüchtlingscamps  im Osten des Tschad umgesiedelt. Wie für Oumalis und Maka wird die Nahrungsmittelhilfe von WFP eine der wenigen verbleibenden Hoffnungen für Tadja und ihre Familie sein – Hoffnung auf ein neues Leben fernab des Krieges. 

Nach wiederholten Sicherheitsvorfällen auf tschadischem Grenzgebiet wurde die Grenze zum Sudan am 21. Februar, 2026 mit Ausnahmen für humanitäre Bewegungen geschlossen. Für tausenden Menschen könnte die Flucht in den Tschad jetzt noch gefährlicher werden. Seit den Angriffen im sudanesischen El Fasher im Oktober 2025, haben mehr als 29.000  sudanesische Flüchtlinge das Nachbarland Tschad erreicht. Allein im Januar 2026 kamen 15.000 Flüchtlinge an - der Großteil davon sind Frauen und Kinder. 

2026 unterstützt WFP monatlich mehr als eine Million Menschen in Flüchtlingsregionen mit dringend benötigter Ernährungshilfe. Wegen fehlender Mittel musste WFP die Unterstützung für Geflüchtete bereits halbieren. Sollte die Finanzierung weiter ausbleiben, ist WFP gezwungen die Nothilfe in Flüchtlingsaufnahmegebieten weiter einzuschränken. 

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